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Mittelmeer-Dialoge

2009

Hany Rashed
Mohamed Abla

Pop-Art und alte Meister

Hany Rashed und Mohamed Abla im Gespräch mit Angelika Stepken.

Hany Rashed (Kairo) lebte im Juli und August 2009 als Gastkünstler in der Villa Romana, er studierte bei Mohamed Abla.


Hany, ich möchte mit einer Frage zu deinen Arbeiten beginnen: Wie kamst Du zu deiner Bildsprache, die Elemente von Popkultur und Karikatur enthält?

HR:
Wenn ich mit der Technik des Monoprint arbeite, wird das Karikaturhafte stärker, aufgrund der Zeichnung und des kleinen Formats. In der Malerei und in meinen Collagen geben die Farben, die Verwendung von Zeitungen usw. eher den Eindruck von Pop Art.

Mohamed, spiegelt sich in diesen Aspekten der Lehrer, die Tatsache, dass Hany zehn Jahre lang bei Dir studierte?

MA:
Nein, als er bei mir studierte, ging es auch nicht darum, Einfluss zu nehmen. Wir praktizieren das Studium auf eine andere Weise. Ich lehrte ihn zu sehen, zu beobachten. Wir haben Ähnlichkeiten, vielleicht die, sich für viele Dinge gleichzeitig zu interessieren. Hany hat sieben Jahre lang nie vor meinen Augen gearbeitet. Nur wenn es, zum Beispiel, um bestimmte Techniken ging, haben wir uns eine Woche zusammengesetzt. Er muss sich selbst entwickeln, ich will ihn nicht stilistisch beeinflussen...

Was meinst Du damit, sich für viele Dinge gleichzeitig zu interessieren: das soziale Leben, Öffentlichkeit, Politik?

HR:
Ein Künstler ist nicht jemand, der nur im Studio sitzt und arbeitet, er hat mit dem Leben und der Politik zu tun.

MA: Was ich ihn lehrte, war: nicht einem Stil zu folgen, stets für neue Einflüsse offen zu sein, nicht an einer Idee, an einer Technik zu kleben.

HR: Ja, ich lernte von Mohamed, aktiv zu sein und teilzuhaben. Die Kunst ist Teil davon. Es gibt eine Art Angst, am Erfolg festzuhalten. Oft merkt man erst später, dass dieses Festhalten falsch war und andere Dinge nicht hervor kommen konnten.

MA: Als Künstler bist Du manchmal ängstlich, etwas Neues zu beginnen, weil Du nicht weißt, ob Du es schaffst. Aber wenn Du es wagst, ist die Welt wieder offen.

Noch einmal zurück zur Pop Art. Was bedeutet sie Euch? Wie aktuell ist dieses Kapitel Kunstgeschichte?

MA: Pop Art als Ausdrucksform bedeutet uns gar nichts. Das ist Kunstgeschichte, amerikanische Kunstgeschichte. Wir haben mit amerikanischer Kunst ja eigentlich erst in den letzten 20 Jahren zu tun. Wir sind mehr von der europäischen Kunst beeinflusst, von Frankreich und Deutschland. Aber manchmal laufe ich durch Kairo und zeige Hany die Reklame in den Straßen und wie die Menschen ihre Häuser dekorieren (wir haben auch gemeinsam Projekte an Hauswänden gemacht), und dann ist das Pop Art. Pop Art bedeutet zu beobachten, was die Menschen wirklich machen. Wie sie ihr eigenes Leben gestalten, ihre eigene Kunst. Pop Art ist das, was die Menschen machen, nicht was die Künstler tun. Die bringen die Dinge nur zusammen. Pop Art ist die alltägliche visuelle Erfahrung des Lebens: Bewegung, Farbe, Kalligrafie, Fotografie, Malerei.

Wie ist die Stellung eines Künstlers heute in Ägypten? Ihr arbeitet in internationalen Kontexten. Hany, Du hast oft mit Cathérine David zusammen gearbeitet.

MA:
Als Künstler versuchen wir, unseren eigenen Weg zu finden. Es gibt ja keine "ägyptische Schule" in der zeitgenössischen Kunst. Wir nehmen teil an der internationalen Entwicklung, aber mit der Erfahrung unserer eigenen Umgebung. Und so wie jeder Profi haben wir Techniken, mit Kuratoren, Galerien etc. umzugehen. Wir haben dieselbe Struktur wie überall: Galerien, Sammler, Museen, zwar in kleinerem Maßstab, aber das ist nun mal die globale Struktur, um mit Kunst zu handeln. Darin arbeiten auch wir, nur sind wir uns dessen bewusst und wollen nichts kopieren. Wir profitieren von der Entwicklung und versuchen gleichzeitig, unsere eigenen Sachen zu machen.

Du sprichst immer von "wir". Meinst Du damit die Initiative des Art Centers, in dem ihr seit 2 Jahren workshops veranstaltet, mit europäischen Künstlern und Partnern kooperiert?

MA:
"Wir" bedeutet nicht nur: Hany und ich. Wir versuchen, andere Menschen zu erreichen, etwas Neues zu schaffen, das aber noch ganz in den Anfängen ist. Es gibt in Ägypten ja nicht eine starke moderne Tradition wie in Europa. Aber es gibt immer Menschen, die etwas geben wollen. So entstehen künstlerische Bewegungen. Ich habe mich vor vielen Jahren entschlossen, die Hälfte meines Einkommens in solche Initiativen einzubringen, zum Beispiel in die Künstlerresidenzen. Das wird von staatlicher Seite ja nicht gefördert, im Gegenteil. Aber es muss gemacht werden. Ich hatte die Chance, schon vor vielen Jahren nach Europa zu kommen, in Schweden und an der Salzburger Sommerakademie zu lehren. Und ich traf Leute, die mir halfen. Wenn ich "wir" sage, meine ich Menschen, die diese Ideen teilen.

Hany, warum wolltest Du nicht die staatliche Kunstakademie besuchen? Mohamed, Du erzähltest, dass Du nur alle zehn Jahre einen Studenten annimmst ...?

MA:
Ja, man muss sich konzentrieren. Am Anfang sagte ich Hany, dass ich ihm nicht beibringen würde, wie man Kunst macht, sondern wie man lebt. Er war 19 Jahre alt, als er kam.

HR: Für mich war es ein Glück, mit Mohamed Abla zu studieren. Wenn ich an der Akademie studiert hätte, hätte ich mich lange quälen müssen, diese Erfahrungen wieder zu überwinden.

MA: Ich glaube nicht so sehr an die Kunstgeschichte als vielmehr an Biografien. Wenn ich in Schweden oder Salzburg workshops gebe, ist die Zeit immer zu kurz, um wirklich Verbindung mit den Menschen zu finden. Jeder hat seine Geschichte. Jeder hat sein eigenes Schicksal. Ich habe wenige Studenten und bin sehr stolz auf sie. Leben ist kostbar, du kannst es nicht jedem geben. Wir reisen und wir essen zusammen, wir teilen alles. Und ich weiß, dass er besser sein muss als ich. Eine andere Studentin, Sabah, die ja auch gerade hier ist, arbeitet in einer total anderen Richtung als Hany. Ich habe ihr nie gesagt, wie man eine Fotokamera benutzt, sondern nur: fotografiere das, was mit dir zu tun hat. Und sie ging in den ersten drei Tagen mit einer einfachen Kamera los und kam mit hunderten von Fotos zurück. Heute macht sie sehr gute Arbeiten, stellt in Venedig und anderswo aus. Man muss aufrichtig sein, sich selbst und anderen gegenüber. Geschichte machen. Wer sonst soll das tun? In Ägypten ist die Beziehung zur modrnen Kunst noch sehr jung. Die erste Kunstakademie, von Italienern und Franzosen beeinflusst, öffnete 1909. Seit den 50er Jahren haben sich die Beziehungen intensiviert. Aber das heißt: es gibt noch eine Menge zu tun.

Hany, Du hast jetzt zwei Monate in Florenz verbracht, einer Stadt mit einem gigantischen Speicher an Kunstgeschichte. Wie bist Du ihr begegnet?

HR:
Es war für mich sehr, sehr wichtig, die alten Meister zu sehen, wie sie arbeiteten. Über die zeitgenössische Kunst weiss ich genug. Aber um ein guter Künstler zu sein, musst Du auch die Wurzeln kennen. Ich bin sehr glücklich, all diese Werke, die ich aus Büchern kannte, nun in Wirklichkeit, aus der Nähe betrachten zu können, ihre wirklichen Farben zu sehen. Sie sind sehr modern. Und ich bin mir sicher, dass ich in meiner eigenen Arbeit davon profitieren werde.

Was ist dein Lieblingsort, dein Lieblingskünstler in Florenz?

HR:
Die Uffizien.