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Mittelmeer-Dialoge

2009

Wafa Hourani

Konflikte einer fiktiven Zukunft

Der palästinensische Künstler Wafa Hourani (Gastkünstler in der Villa Romana 2009) im Gespräch mit Angelika Stepken.


Du hast in Tunesien Film studiert, dann mit dem Verhältnis von Fotografie und realen Körpern gearbeitet (Photo-Life, 2006) und in den letzten beiden Jahren schließlich Future Cities als Installationen realisiert. Warum führte Dich dein Weg von technischen Bildmedien „zurück“ zu dreidimensionalen Arbeiten im Raum?

Tatsächlich habe ich schon als 13jähriger mit Fotografie gearbeitet. Mein Bruder ist Fotograf und hatte ein kleines kommerzielles Studio mit einer Druckmaschine in Hebron. Dort bin ich nach der Schule hingegangen und habe gearbeitet, bis ich etwa 16,17 Jahre alt war. Dann ging ich nach Tunesien, um Film zu studieren. Ich interessierte mich für Geschichten, Romane, Spielfilme, nicht so sehr für die technischen Aspekte des Films. Als ich nach Palästina zurückkam, wollte ich unbedingt Spielfilme machen. Aber es war die Zeit, als die Zweite Intifada ausbrach und so begann ich zu filmen, was in den Straßen passierte. Das waren starke Bilder, spontan gefilmt. Ich arbeitete eher wie ein Videokünstler, habe Musik zu den Aufnahmen gespielt, um deren Realität zu ändern und eine kinematografische Dimension zu eröffnen.

Du hast damals also schon angefangen, Alltag zu fiktionalisieren. Das ist bis heute ein wesentliches Verfahren in Deinen Arbeiten: reale Lebensbedingungen, Konflikte einer fiktiven Zukunft zugänglich zu machen.

Ich mag Science Fiction. Aber meine Arbeiten waren nicht nur davon geprägt, wie ich Palästina anders filmen konnte in dieser schwierigen Situation, sondern auch: wie können Menschen außerhalb von Palästina die Bilder verstehen und sich dazu verhalten.

Kunst als ein Medium der Kommunikation?

In gewisser Weise schon. Die erste Stadt der Zukunft „Qalandia 2067“ entstand aus dem Projekt Ein Bild ist nicht genug, um die Komplexität der Verhältnisse in Palästina zu verstehen. Ich entschloss mich, diese zukünftige Stadt zu bauen, die Gebäude, aber auch den Klang in den Häusern, den Checkpoint, den die Besucher passieren mussten. Ich spüre eine Verantwortung gegenüber meinen Leuten. Ich verstehe sie, ihre verschiedenen Ebenen, die Details, aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wenn sie in den Spiegel schauen. Die einzige Chance für Palästina ist eine kulturelle Bewegung, sich derart mit der Welt zu verbinden.

Du hast geschildert, wie Palästina seit Jahrzehnten von außen determiniert wurde. Du bist selbst zum Studium nach Tunesien gegangen. Unter welchen Bedingungen funktioniert die Bilderproduktion innerhalb Palästinas?

Du siehst sehr viele Kameras in Palästina, aber das sind die der Journalisten. Deshalb ist mir Kino so wichtig. Die Palästinenser sind es gewöhnt, Bilder als Nachrichten zu sehen, Bilder zu produzieren als Teil ihres Widerstands. Es gibt eine Filmindustrie, eine klassische Generation von Filmemachern und die junge zwischen Dokumentation, Fiktion und Videokunst. Die meisten jungen palästinensischen Künstler arbeiten mit schnellen digitalen Formaten.

Wie funktioniert die neue Kunstakademie in Ramallah?

Es gibt diese Akademie ja erst seit zwei Jahren. Sie ist mit großen Hoffnungen verbunden und erhält einen großen Input von außen: Künstler und Professoren kommen dorthin und halten Vorträge. Alles geschieht dort sehr schnell, sehr zeitgenössisch. Diese Energie des schnellen Wechsels spürt man auch bei den Studenten.

Du selbst hast in dieser Zeit des schnellen Bilderwechsels ein Archiv für Kinderzeichnungen gegründet. Gibt es da einen Zusammenhang?

Es ist wichtig, Kinder für Kunst zu motivieren. Sie sind die Künstler von morgen. Die Palestinian Children Gallery ist ein Ort, wo Kinder ihre Zeichnungen zeigen, sich mit anderen Kindern verbinden und andere Kunst sehen können. Sie ist offen für Kinder aus aller Welt und ich arbeite daran, auch Ausstellungen außerhalb Palästinas zu organisieren. Das Archiv ist auch wichtig für die Forschung über die junge Generation, für jeden, der helfen und mitarbeiten möchte. Ich habe mich entschlossen, nicht aufzugeben, auch wenn die Konflikte sehr groß sind und viel Arbeit zu leisten ist. Das schafft nicht einer und nicht ein Kunstwerk, es braucht eine Bewegung, viele Leute, die langfristig denken. Solche Projekte brauchen Zeit.

In deinem Film Yousef (2005) sieht man Kinder und Jugendliche, deren „Spiel“ der Straßenkampf gegen israelische Soldaten ist. Der Film ist sehr vielschichtig, es gibt u.a. die Ebene, wie Kinder sich an diesem palästinensischen Supertypen orientieren…

Ja, die Jungens wollen alle werden wie Yousef und sich eines Tages auf Plakaten gedruckt sehen. Alle rennen weg, Yousef bleibt stehen. Es ist wie ein Spiel, sie wollen Helden sein. Ein trauriges Spiel.

Du bist in Palästina verwurzelt und fühlst Dich dort verantwortlich. Andererseits bist Du zu Gast auf den Biennalen von Taiwan, Berlin, Istanbul oder in der Saatchi Gallery in London. Das heißt: Du arbeitest in einem internationalen Kunstsystem, das nur sehr bedingt mit dem Prinzip Hoffnung zu tun hat. Wie gehst Du mit diesen beiden „Standbeinen“ um?

Ich konzentriere mich auf das, was ich für die Palästinenser mache. Eine Arbeit, die eher eine Bewegung ist. Ich mag einzelne Kunstwerke, aber lieber noch möchte ich mit diesen Werken Verbindungen herstellen und ein künstlerische Bewegung in Palästina erzeugen. Außerhalb von Palästina bin ich der palästinensische Künstler, der politisch arbeitet. Das ist die eine Seite, die für Galerien und Biennalen attraktiv ist. Aber nicht alle meine Kunst bezieht sich auf die politische Situation in Nahost. Es gibt Arbeiten, die einfach nur menschlich sind oder sich mit der Zukunft von London oder Griechenland beschäftigen.

Das ist eine Erfahrung, die z.B. auch für die erste Generation türkischer Künstler im internationalen Betrieb galt: man wollte politische Widerstandskünstler sehen…

Wenn Künstler berühmt sind, können sie dann alles zeigen… Aber auch in Palästina ist es einfacher, sich mit politischen Themen zu beschäftigen.

Du bereitest gerade einen neuen Komplex von Arbeiten vor. Die Future Cities sind abgeschlossen?

In den neuen Arbeiten nach Future Cities gehe ich auf das palästinensische Archiv zurück und versuche, ihm neues Leben und Hoffnung zu geben. Ich will die versteckten Bilder der ersten Intifada und die Unterschiede zwischen beiden Intifadas zeigen, als die Palästinenser keine Gewehre nahmen, sondern Steine. Es werden 20, 25 Skulpturen, männliche und weibliche Figuren, in einer filmischen Szenerie entstehen: Steinewerfer in verschiedenen Positionen. „Steinewerfen als palästinensische Kriegskunst“, so wie Karate oder Kung Fu. In diesen Wochen arbeite ich nun an einem Text, der dazu in einem kleinen Buch erscheinen soll. Er erklärt die verschiedenen Positionen der Steinewerfer, wie man den Körper bewegen soll, wie man das Gesicht bedeckt, die verschiedenen Stufen der Vervollkommnung dieser Kriegskunst. Das ist natürlich SciFi. All diese Positionen und ihre Namen erfinde ich. Aber es gibt dabei auch kurze, wahre Geschichten zur ersten Intifada, die ich von Freunden gehört oder selbst erlebt habe.

Werden diese neuen Arbeiten auf den nächsten Biennalen zu sehen sein?

Nein, da ist noch nichts entschieden. Ich produziere die Arbeit und werde sie nächstes Jahr in Palästina zeigen.

Letzte Frage: Du hast jetzt fast zwei Monate in der Villa Romana in Florenz verbracht. Im letzten Jahr hattest Du eine Residency in den Delfina Studios in London. Was bedeutet dieser Wechsel von Kontexten für Dich?

Ich glaube an direkte Kontakte mit Menschen, nicht nur über Medien und Internet. Wenn ich Leute treffe und mit ihnen arbeite, entstehen Brücken zwischen mir und der Welt, neue Geschichten, neues Leben. Ich möchte lernen und mich allem öffnen, nicht nur innerhalb der palästinensischen Verhältnisse. Ich liebe die Villa Romana und meine Zeit hier. Künstler brauchen auch Pausen. Ich schätze das Programm sehr, weil es nicht zum Produzieren verpflichtet. Mir hat der Aufenthalt hier geholfen, die Texte für die neue Arbeit zu schreiben und das Projekt wieder von außen betrachten zu können.