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Mittelmeer-Dialoge

2010

Rana Javadi

Warum fotografieren Sie?

Rana Javadi im Gespräch mit Angelika Stepken, Christoph Westermeier (Künstler) und Stefano Vannucci (Autor).

Rana Javadi, Herausgeberin der iranischen Fotografie-Zeitschrift Aksnameh und Fotografin aus Teheran, lebte und arbeitete im Juni/Juli 2010 als internationale Gastkünstlerin in der Villa Romana. Sie eröffnete hier die Ausstellung ihres am 15. Januar 2010 verstorbenen Ehemanns Bahman Jalali, der als Dokumentarfotograf, Lehrer und Sammler maßgeblich die Geschichte und Gegenwart der Fotografie im Iran erforschte und förderte. Zur Zeit bereitet Rana Javadi eine Retrospektive von Jalalis Werk im Sprengel-Museum Hannover vor, die im Mai 2011 eröffnet wird.


AS: Lass’ uns zu Beginn über das Fotografie-Magazin reden, das Du vor vielen Jahren mit Bahman Jalali gegründet hast.

RJ: Es heißt Aksnameh und ist eine Vierteljahresschrift für Fotografie, wir haben sie vor zwölf Jahren mit Unterstützung der NGO Cultural Research Bureau ins Leben gerufen.

AS: Was war/ist das Ziel dieser Zeitschrift?

RJ: Was wir tun, dient der Bildung und den Kunststudenten an den Universitäten. Denn die Universitäten halten es nicht für nötig, Bildungsmaterial zu veröffentlichen, obwohl dies eine ihrer Aufgaben sein sollte. Wir versuchen, diese riesige Lücke ein bisschen zu füllen.

AS: Gibt es keine internationalen Bücher in den Bibliotheken?

RJ: Ja und nein, denn in Fotobüchern sieht man oft Nacktheit. Und die wird gewöhnlich gar nicht ins Land gelassen. Oder die Bücher werden in Bibliotheken weggeschlossen, stehen nicht in den Regalen, an die man leicht herankommt. Eigentlich sollte es so sein, dass du in die Bibliothek gehen und alle vorhandenen Bücher durchschauen kannst, aber so ist es nicht. Jemand hat für dich entschieden, was du sehen kannst.

AS: Ist es auch schwierig, Material zu veröffentlichen?

RJ: Es gibt eine Zeitschrift, die jetzt seit 20 Jahren erscheint. Bahman war eines ihrer Gründungsmitglieder, aber heute machen sie nichts Seriöses mehr. Wir arbeiten viel über Theorie und übersetzen ausgezeichnete Texte, zum Beispiel von Susan Sontag, Roland Barthes, John Sarkovsky, Walter Benjamin, Umberto Eco, Victor Burgin und anderen. Parallel zu diesen Texten stellen wir unseren Lesern die Arbeit von internationalen, meist professionellen Fotografen vor, aber auch von Studenten. Als wir angefangen haben, waren wir die einzige Zeitschrift, die so etwas machte, aber nun gibt es zum Glück noch andere Kunstzeitschriften, die ernsthafte Arbeit im Bereich der Kunst, einschließlich der Fotografie, leisten. Wir publizieren auch Fotobücher und Übersetzungen. Unsere Ressourcen sind, außer internationalen Büchern, Zeitschriften wie Spotlight, Camera Austria, European Photography, Zoom, B&W, Aperture und einige andere gute Quellen.

AS: Wie erhaltet ihr sie?

RJ: Wir zahlen dafür, wir haben Abonnements.

AS: Ist es denn kein Problem, sie zu bestellen?

RJ: Doch, die Bestellung ist ein Problem, denn wir haben keine Kreditkarten und unsere Bankkonten im Ausland wurden wegen der Sanktionen geschlossen. Um zu bestellen, was wir brauchen, bitten wir Freunde und Verwandte im Ausland, es für uns zu kaufen. Irgendwie kriegen wir es dann ins Land und übersetzen es. Aber wir veröffentlichen nur Bilder, die wir publizieren dürfen. Wegen der Nacktheit können wir die meisten Bilder nicht verwenden. Aber heutzutage ist es selbst in Europa nicht einfach, gute Texte über Fotografie zu finden. Es gibt nicht viele – etwa Persönlichkeiten wie Susan Sontag, sie war eine wichtige Figur, ihre Artikel und Bücher über Fotografie sind sehr ergiebig – wir haben niemanden wie sie, vor allem was die Philosophie der Fotografie angeht. Ich halte nach Material Ausschau, aber ich finde nicht viel.

CW: Fotografie hat sich in den letzten Jahren durch die Digitaltechnik verändert.

RJ: Ja, genau. Ich glaube, Fotografie muss sich in der digitalen Welt neu erfinden. Wir brauchen eine neue Definition. Was wir heute als Fotografie sehen, ist anders als das, was wir als Fotografie betrachteten. Mit den neuen Technologien und dem, was man mit einem Bild machen kann, reden wir nicht mehr über dasselbe Bild. Heutzutage musst du, wenn du ein Bild anschaust, immer daran denken, dass etwas anderes passiert sein könnte, vielleicht wurden Veränderungen vorgenommen, wenn es nicht sogar nachweisbar falsch ist. Das Vertrauen in die Fotografie ist verloren gegangen. Wir vertrauen Bildern nicht mehr wie früher. Es gibt immer Fragen und Zweifel. In einer Rubrik unserer Zeitschrift veröffentlichen wir gewöhnlich dokumentarische Arbeiten von Studenten, die sie nirgendwo anders veröffentlichen können. Denn es ist nicht einfach oder besser gesagt, fast unmöglich, einen Verleger zu finden, der in ein Buch mit dokumentarischer Fotografie investiert, wenn du das Buch nicht selbst finanzierst oder eine Organisation findest, die es für dich sponsert.

AS: Gibt es eine neue Generation von Fotografen im Iran?

RJ: Es gibt viele!

CW: Arbeiten sie dokumentarisch oder künstlerisch?

RJ: Heute versuchen alle, Kunst zu machen, denn das ist einfacher. Kunst kannst du auch im Innenraum machen. Wegen der gesellschaftlichen Schwierigkeiten und der Themen, die du nicht berühren darfst, weil sie verboten sind; selbst wenn du Fotos machen kannst, bekommst du keine Erlaubnis, sie auszustellen oder zu veröffentlichen. In der Stadt zu fotografieren ist nicht einfach, denn immer würde jemand fragen, was du aufnimmst und warum. Du musst also immer einen Begleitbrief von irgendeiner Organisation bei dir haben, der bestätigt, dass du einen Auftrag für dieses oder jenes Projekt hast. Deshalb arbeiten viele Fotografen lieber drinnen. Andererseits hat die iranische Fotografie in den letzten Jahren auf Messen und Auktionen internationale Anerkennung gefunden. Fotos werden wie andere Kunstwerke verkauft. Wenn du also von der Fotografie leben willst, musst du etwas machen, was im Ausland Anerkennung findet. Jetzt gibt es allerdings auch iranische Sammler, die Fotografien kaufen, worüber die Leute vor zehn Jahren gelacht hätten. Jemand, der ein Foto kauft? „Wofür?!“ Aber jetzt ist es langsam chic. Fotografien werden wie Gemälde und Skulpturen verkauft und Fotografen werden als Künstler betrachtet.

CW: Worin siehst Du die Bedeutung von Fotografie? Was macht Fotografie gerade?

RJ: Nun, im richtigen Moment erfüllt sie ihre Aufgabe. Wir alle haben in den letzten Monaten gesehen, was Bürger-Journalisten taten, als sie Bilder und Filme über das Internet sendeten. Sie rüttelten die Welt mit ihren Bildern auf, das Gleiche geschah, als die birmanischen Mönche 2007 protestierten.

AS: Du erwähntest eben die beiden Lebensbereiche – das öffentliche Leben und das Privatleben – und dass Fotografie sich mehr mit Letzterem beschäftigt...

RJ: Es gibt einige junge Fotografen, die an Projekten arbeiten. Sie arbeiten an dokumentarischen Projekten für sich selbst. Die anderen machen Innenraum-Fotografie. Sie nehmen das Leben dort auf, Partys, Alltagsleben und Ähnliches. Das hat eine dokumentarische Basis, aber sie bearbeiten es mit Photoshop und zeigen ihre Arbeiten nicht im Iran, sondern im Ausland. Sie sind sehr populär. Sie zeigen das Underground - Leben. Sie stellen auch Szenen und fotografieren sie dann. Sie arbeiten mit Bildern, um ein neues Image zu schaffen.

AS: Gibt es eine Ausbildung für Fotografen?

RJ: Ja, an den Universitäten.

AS: Nicht an Kunstakademien, sondern an Universitäten?

RJ: Man kann sowohl an Universitäten als auch an Akademien Fotografie studieren. Es ist kurios, dass wir unsere eigene großartige, weit zurückreichende Fotografiegeschichte nicht an Universitäten lehren. Die Studenten kennen all die ausländischen Fotografen, aber sie kennen ihre eigenen Fotopioniere und deren Arbeit nicht. Das ist nicht ihre Schuld, denn sie wurden nicht veröffentlicht und es wird nicht genug geforscht.

AS: Aber es gibt das von Bahman, Dir und dem Direktor des Cultural Research Bureau gegründete Museum für iranische Fotografie. Ist es noch für das Publikum geöffnet?

RJ: Es ist für das Publikum geöffnet, aber sie zeigen jetzt eher zeitgenössische Arbeiten. Seitdem wir weggegangen sind, kommt ein anderes Publikum. Alle waren sehr traurig, als wir weggegangen sind, denn sie wussten, welche Leidenschaft und Liebe wir dieser Stätte gewidmet hatten. Es ist nicht mehr der gleiche Ort. Es ist jetzt so eine Art Galerie, wie alle anderen Galerien in Teheran. Du kannst es Dir ansehen, aber ich komme nicht mit. Ich gehe nicht gerne dort hin, es macht mich sehr traurig. Sie haben eine öffentliche Toilette dort eingerichtet, wo wir eine große Kamera entworfen hatten, um in den Park zu schauen. Die neuen Leute müssten protestieren, aber sie saßen einfach nur da, während sie ihnen eine Toilette hinbauten. Das macht mich traurig. Ich komme jeden Tag dort vorbei, weil ich in der Nähe wohne, aber das ist so eine Sache...der Unterschied zwischen unserer Zeit und jetzt ist wohl, dass wir diesen Ort ins Leben gerufen, ihn aus dem Nichts geschaffen haben. Wir sind die Gründer. Wir haben renoviert und die Innenräume mit Hilfe eines guten Teams von Freunden gestaltet. Wir stellten unsere eigene Sammlung aus, die Bahman und ich im Laufe der Jahre zusammengetragen hatten, und kauften einige Archive; die neuen Leiter hingegen sind Angestellte, keine Leute mit Eigeninitiative wie wir. Das ist der Unterschied! Und das ist das Problem.

AS: Wir haben bis jetzt über Fotografie und Deine Rolle als Verlegerin und Gründerin des Museums gesprochen. Aber Du bist auch Fotografin und hast ein Projekt für Florenz und Isfahan, das Du realisieren wirst. Ich frage mich, warum sowohl Du als auch Bahman immer wieder betonen, nicht Fotografie studiert zu haben.

RJ: Wir sind Autodidakten.

AS: Muss man das wissen?

RJ: Ja, denn wir sind autodidaktische Fotografen. Als wir mit der Fotografie anfingen, lehrte sie niemand. Es gab keinen Fotografiestudiengang an den Universitäten. Es gab vor allem Studiofotografen, die die Leute aufnahmen und einige wenige Fotografen, die für die Presse arbeiteten, die in jener Zeit aufgrund der schlechten Qualität des Papiers und des Verlagssystems keine Fotos verwendete, außer sie waren von der Königsfamilie oder öffentlichen Ereignissen. Leute wie uns, Dokumentarfotografen, gab es vor 30 oder 40 Jahren nur sehr wenige.

CW: Ihr habt also gewissermaßen die Dokumentarfotografie in Teheran begründet?

RJ: Nicht ich, sondern Bahman und einige wenige andere Fotografen. Es gab ein paar Pioniere, aber nicht mehr als zehn oder zwölf, würde ich sagen. Bahman hat an vielen Themen gearbeitet. Vor der Revolution war er Theaterfotograf. Er hat in der Vergangenheit, während der Schah-Zeit, viele berühmte Stücke von berühmten Regisseuren fotografiert. Er besitzt eine ausgezeichnete Sammlung, die wir aus Gründen, die ihr kennt, nicht veröffentlichen können. Das ist wirklich schade. Sie wäre eine gute Ressource für Studenten, die sich mit Theater beschäftigen, und auch für Theaterleute sehr wertvoll. Er ist durch den ganzen Iran gereist und hat die Landschaft, Architektur, historischen Stätten und Naturschönheiten dieses Landes fotografiert.

AS: Hast Du Deine eigenen Fotografien im Ausland gezeigt?

RJ: Vor einigen Monaten im Musée du Quai Branly in Paris. Kurator der Ausstellung war Bahman, das Thema 165 Jahre Fotografie im Iran. Meine Fotos waren auf Gruppenausstellungen in Frankreich, Dubai, Griechenland, Deutschland, England, Luxemburg und bei Paris-Photo zu sehen. Ich habe jedoch nie so viel gearbeitet wie Bahman. Er konzentrierte sich ganz auf die Fotografie. Er hat in seinem Leben nichts anderes getan, als zu fotografieren. Ich übersetze Texte über Fotografie. Ich machte Bücher. Ich mache diese Zeitschrift. Ich arbeite nicht nur als Fotografin, denn nur von Fotografie zu leben, ist sehr schwer im Iran. Ich habe in den letzten 22 Jahren als Leiterin für Fotografie und darstellende Kunst für das Cultural Research Bureau gearbeitet. In meiner Freizeit mache ich meine eigenen Fotos. Bahman hingegen hat ausschließlich Fotografie gelehrt und als Fotograf gearbeitet.

CW: Ist das Projekt, über das Du vorhin gesprochen hast, der Austausch zwischen Florenz und Isfahan, typisch für Deine Arbeit oder ist es etwas Neues, denn es handelt sich eigentlich nicht um eine Dokumentation, sondern eher um eine Konzeptidee.

RJ: Gewöhnlich arbeite ich mit Fotografien. Der Grund ist, dass ich immer von Fotografien umgeben war, weil wir alte Bilder sammelten, ich immer Zugang zu ihnen hatte. Ich bin sehr fasziniert von alten Bildern. Es geht um etwas, das neue Bilder verloren haben. Alte Bilder haben eine Aura. Da ist diese Stille, ein Stil, etwas, das wir nicht mehr haben. Fotografie ist jetzt sehr zugänglich geworden, sehr einfach und digital.

AS: Du hast noch nicht ganz erklärt, wie dieses Florenz-Projekt mit Dir zu tun hat.

RJ: Ich arbeite mit diesen Bildern. Als sich die Möglichkeit ergab, hierher zu kommen und ich erfuhr, dass es sich um Partnerstädte handelt, kam mir in den Sinn, Bilder von Isfahan nach Florenz zu bringen. Als ich dann hier stand und dabei war, das Bild von Isfahan aufzuhängen, dachte ich, dass es vielleicht nicht das richtige Medium sei, dass ich vielleicht die Szene hätte filmen sollen.

AS: Warum?

RJ: Weil ich die Eindrücke der Leute sehr schnell hätte einfangen müssen. Auf diese Art hätten wir alle Eindrücke der Menschen, die vor dem Bild standen, einfangen können, ihre Konfrontation mit ihm, ihre Reflexionen, denn es war ein Bild vom berühmten Naghshe Jahan Platz mit einer wunderschönen Moschee aus der Zeit der Safawiden. Ich hätte nicht gedacht, dass die meisten Betrachter heutzutage eine Moschee mit Terrorismus assoziieren würden.

AS: Als erstes denkt man bei diesem Bild doch an Schönheit...

RJ: Das dachte ich auch! Aber einige Leute sehen es nicht so wie wir. Und das hat mich sehr deprimiert. Die erste negative Reaktion bestürzte mich. Ich sagte mir: Mein Gott, warum bewundern die Leute nicht diese Schönheit?! Leider ist dies heute das Bild, das andere Nationen von uns haben. Alles wird mit Politik gleichgesetzt.

AS: Ich weiß nicht – denn ich war nicht anwesend – ob es eine Reaktion auf das Foto, eine Konfrontation mit dem Foto oder eine Konfrontation mit der Situation, fotografiert zu werden, war. Viele Leute fühlen sich nicht wohl, wenn sie von jemandem fotografiert werden, denn es ist in gewisser Weise ein sehr intimer Vorgang.

RJ: Ich weiß nicht. Ich bin mir dessen nicht so sicher, aber einige Leute mochten es nicht – dessen bin ich mir sicher!

AS: Du brachtest diese Fotos von Isfahan nach Florenz und hattest die Idee, Menschen in Florenz vor diesem Hintergrund zu fotografieren. Der nächste Schritt wäre gewesen, Fotos von Florenz in Isfahan auszustellen.

RJ: ... und die Reaktionen zu sehen. Das wäre sehr interessant. Ich glaube, die Menschen in Isfahan würden sehr gern Aufnahmen vor einer Szene aus Florenz machen. Die Idee mit dem Hintergrund kommt von früher: Damals hatten die Fotostudios diese Hintergründe und nahmen die Leute vor ihnen auf. Es ist eine interessante Erfahrung, zu sehen, wie die Menschen reagieren.

AS: Deine Arbeit steht oft in Beziehung zu historischen Fotografien und ihrem narrativen Potential.

RJ: Ich muss ihnen eine neue Stimme geben. Ich nehme ein altes Bild und füge ihm etwas hinzu, um ein neues Bild aus ihm zu machen, damit es mein Bild wird. Manchmal füge ich unterschiedliche Gegenstände oder Texte hinzu, die eine neue Geschichte erzählen.

AS: Es handelt sich also um eine Interpretation des alten, des vorhandenen Fotos und um einen Ausdruck Deines Verständnisses von Fotografie.

RJ: Ein Grund dafür ist, dass ich nicht frei draußen fotografieren kann, weswegen es für mich einfacher ist, drinnen mit diesen Bildern zu arbeiten. Das ist die einfachste Antwort. Aber mit dieser Art von Arbeit erinnern wir das Publikum auch daran, dass alte Bilder wertvolle Dokumente sind. Die Leute sollten ihre Familienfotos und Fotoalben sorgfältig aufbewahren. Diese Bilder haben nicht nur für die Familien selbst Wert, sie sind auch ein Teil der Geschichte: Dies geschah auch durch die Einrichtung von Akskhaneh, des ersten Fotografiemuseums im Iran. Indem sie kamen und diese Art von Arbeiten sehen konnten, wissen die Leute jetzt, dass sie alte Bilder aufbewahren sollten. Sie fragen, wie sie das am besten tun können. Es gibt im Land keine Institution oder Autorität, die für Fotografie zuständig ist. Es gibt einige kleine Archive, die Bilder für ihre eigenen Ziele sammeln. Wenn zum Beispiel ein alter Studiofotograf stirbt, würde sein Archiv weggeschmissen. Niemand kümmert sich um Fotografie; alle nutzen sie, aber niemand investiert darin, sie zu archivieren und zu erhalten. Die Menschen sollten sich also selbst um ihre bildhafte Geschichte kümmern. Diese Fotos könnten beim Film, in anthropologischen und soziologischen Studien usw. zum Einsatz kommen.

SV: Als professionelle Fotografin filtert der Stoff auf Deinem Gesicht stets Deine Realität. Glaubst Du, dass diese Tatsache sich in Deiner Arbeit als Fotografin und Deinen Projekten widerspiegelt?

RJ: Ja, das ist so, denn wir haben eine Art des Selbst-Filterns. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich dieses oder jenes nicht tun sollte, denn ich würde die Erlaubnis, zu veröffentlichen oder auszustellen nicht erhalten. Manchmal sind Sehnsucht und Depression in meinen Arbeiten sehr offensichtlich.

Wirkt sich das auch physisch oder graphisch auf Deine Aufnahmen aus? Hast Du einen weiten Blick, eine weite Perspektive?

RJ: Grenzen können deine Arbeit einschränken, was sich auf das Resultat der Arbeit auswirken kann, aber letztendlich kann ihnen niemand die Augen schließen.

SV: Ich frage mich, wenn Du mit Deiner Kamera die Straße hinuntergehst und die Leute sehen, dass Du eine Frau bist, wie ist die Reaktion? Ist es normal?

RJ: Als ich die Revolution fotografierte, gab es nur zwei oder drei Frauen, die Fotos machten. Es war zu jener Zeit eher ungewöhnlich, dass Frauen Fotografen waren. Es war etwas ganz Neues. Heute, mit den vielen ausgebildeten jungen Fotografen und Studenten, haben wir sehr gute Fotografinnen, Fotoreporterinnen und Kunstfotografinnen. Heute ist es nicht ungewöhnlich, denn Fotografie ist nichts Ungewöhnliches mehr. Heute hat jeder einen Fotoapparat oder ein Fotohandy. Wenn du auf der Straße fotografierst, dann wollen sie wissen, was du fotografierst. Es geht sie nichts an, aber sie kommen und fragen dich: „Warum fotografieren Sie?“

AS: Wird Fotografie auch als öffentliches Medium eingesetzt?

RJ: Die Presse berichtet nur über offizielle Anlässe und Journalisten werden zu Pressekonferenzen, Einweihungen von Projekten und offiziellen Besuchen der Regierungsvertreter eingeladen; über das Stadtleben oder gesellschaftliche Leben, darüber gibt es keine Berichterstattung. Es wird nicht gedruckt oder findet nur ein sehr geringes Echo. Das Publikum sieht die Arbeit der Fotografen in den Galerien, wenn sie ausstellen können, denn die Galerien haben sehr viel zu tun und man bekommt erst nach ein oder zwei Jahren einen Termin. Die Vorbereitung einer Ausstellung ist kostspielig für einen Künstler. Die Bilder zu rahmen und zu drucken ist teuer. Das heißt, du musst in der Lage sein, dieses Geld zu investieren.

AS: Am Ende des Gesprächs würde ich Dich gerne zu Deinem Aufenthalt hier befragen. Du warst nicht zum ersten Mal in Florenz...

RJ: Für mich war es eine großartige Gelegenheit. Aber nur, wenn ich mit Bahman hätte kommen können, wie es eigentlich vorgesehen war. Wir hätten unseren Aufenthalt hier sehr viel mehr genossen – es tut mir leid, dass Du meine Depression und meine Trauer ertragen musstest. Villa Romana hat mir sehr viel Frieden und eine neue Erfahrung geschenkt. Wir bekommen solche Gelegenheiten normalerweise nicht. Zeitgenössische iranische Kunst findet erst seit ein paar Jahren breite internationale Anerkennung und ich kenne nur wenige Künstler, die Stipendien im Ausland erhalten haben. Es hat mich sehr gefreut, in der Villa Romana zu sein, andere Künstler und Euch, Angelika, Kathrin und Giulia, zu treffen und Bahmans Arbeiten auszustellen. Es ist schade, dass die Ausstellung von den Medien überhaupt nicht beachtet wurde. Überall, wo wir in Europa ausgestellt haben, gab es eine umfangreiche Berichterstattung in der Presse und den Medien. Für mich war es sehr merkwürdig, dass hier gar nichts passierte.

SV: Wir geben Außenpolitik keine große Aufmerksamkeit und für Italien ist der Iran im Moment ein Ort der Zerstörung. Wir schaffen gerne Gemeinplätze für alles. Vielleicht ist es im Moment in Italien unmöglich, über iranische Kunst zu sprechen. Das Festival des Mittleren Ostens in Florenz war sehr gut besucht, aber alle haben es in einer politischen Perspektive gesehen. Wir haben ein sehr niedriges kulturelles Niveau und wissen nicht wertzuschätzen. Vielleicht denken Journalisten und die Presse, dass sie sich auf ein Publikum beziehen müssen, dem das Interesse fehlt. Sie neigen sehr viel mehr dazu, über das lesende Publikum nachzudenken, als über den Wert der Informationen, die sie geben.

RJ: Das sollten sie aber! Schließlich weiß ich gar nicht, wie ich der Künstlerresidenz Villa Romana für diese Gelegenheit und meinen Gastgebern hier danken soll. Tausend Dank und ich hoffe, Euch alle im Iran begrüßen zu können.