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Mittelmeer-Dialoge

2007

Edi Hila

Wir verlieren sehr viel Zeit

Der Maler Edi Hila (Gastkünstler in der Villa Romana 2007) im Gespräch mit Angelika Stepken

Edi Hila verbrachte im Sommer 2007 zwei Monate als Gastkünstler in der Villa Romana. In der Folge entstanden Malereien, die von seinen Erfahrungen und Erinnerungen an Florenz geprägt sind. 1974 reiste Edi Hila im Auftrag des neu zu gründenden staatlichen albanischen Fernsehens für drei Monate nach Florenz, um hier beim staatlichen italienischen Fernsehen Rai zu volontieren. Nach seiner Rückkehr wurde er aufgrund eines in Ungnade gefallenen Auftragwerks zu einem unbefristeten Arbeitsdienst verurteilt und durfte seine Arbeiten während des Hodscha-Regimes nie mehr ausstellen. Seine Malerei entstand mehr als zwei Jahrzehnte lang unter Ausschluss von Öffentlichkeit. Sie nährte sich in dieser Zeit des inneren Exils wesentlich aus Erinnerungen an seine einst humanistisch geprägte Heimatstadt Shkoder an der Nordgrenze Albaniens. Nach dem Zusammenbruch der Hodscha-Diktatur übernahm Edi Hila eine Professur an der Staatlichen Kunstakademie in Tirana, an der er in den 60er Jahren selbst studiert hatte. Er wurde zum einflussreichsten und weltoffenen Lehrer für die jungen Generationen albanischer Künstler. In den 90er Jahren öffnete sich seine Malerei motivisch den zum Teil brachialen Transformationsprozessen in Albanien. Gleichwohl bleiben seine Bilder stets von einer unheimlichen Stille, ihre Motive überzogen von einem Schleier des Unwirklichen oder Fiktiven.


Edi, als Du den Sommer 2007 als internationaler Gastkünstler in der Villa Romana verbrachtest, bist Du Deiner Geschichte aus den 70er Jahren wieder begegnet: Du warst damals in Florenz, um im Auftrag des neu zu gründenden albanischen Staatsfernsehens Beleuchtungstechniken der RAI zu studieren. Kurz nach Deiner Rückkehr nach Albanien wurdest Du wegen eines unliebsamen Bildes in ein Arbeitslager geschickt und für gut 30 Jahre mit einem Ausstellungsverbot belegt. Was empfandest Du, als nach Florenz zurückkehrtest? Wie hat sich das in den Bildern niedergeschlagen, die Du nach dem Aufenthalt hier gemalt hast?

Es stimmt, dass meine Rückkehr nach Florenz nach 34 Jahren nicht einfach war. Gefühlsmäßig könnte ich zwischen zwei Ebenen unterscheiden: einer Nostalgie, weil ich die Stadt wiedersehen konnte, die Kirchen, die Piazza Signoria, den Arno, die guten Weine, die Pension, in der ich damals wohnte, und anderes, was mir von damals über Jahre in Erinnerung geblieben ist. Die andere Ebene ist eher professioneller Natur: den großen Meistern der Renaissance wieder zu begegnen, die mir während der dunklen Jahre in Albanien sehr nahe geblieben waren. Ich kam nun zurück, um einen Dialog weiterzuführen, der auf halber Strecke liegen geblieben war, natürlich mit einer Lebens- und künstlerischen Erfahrung, die ich damals noch nicht hatte. Die Reise nach Florenz war für mich eine große Gelegenheit besser zu verstehen, was ich gerade künstlerisch machte, mein Verhältnis zur Kunst zu überdenken und bestimmte Fragen zu überprüfen, die ich mir selber stellte und deren Antwort ich nicht aus Büchern oder anderen Studienquellen finden konnte, sondern nur im direkten Kontakt, vor den wirklichen Werken - innerlich tief empfunden, in Ruhe, ohne jede laute verbale Formulierung. Auf diese Weise habe ich versucht, den persönlichen Code meiner Kreativität zu entdecken.

Deine Malerei hält sich stets auf einer Schwelle zwischen Metaphysik und Melancholie, auch wenn Du Dich den Bildmotiven als Zeuge der Gegenwart näherst. Woher rührt diese künstlerische Haltung? Ich erinnere mich an Deine Erzählungen von einer Jugend in Shkodra vor dem Hodscha-Regime, von einer humanistisch geprägten Stadt ...

Sicher ist die Tradition, aus der man kommt, für jede Bildung fundamental. Shkodra war damals eine besondere Stadt. Der Kommunismus hatte Angst vor ihrem bürgerschaftlichen Bewusstsein. Es war in Albanien damals praktische eine Stadt, die Bibliotheken und Schulen, Dichtung und Kunst kultiviert hatte. Es gab eine Tradition großer Fotografen und auch eine künstlerische Fotografie auf internationalem Niveau (die Marubi) und andere Werte, die vom Regime nicht gerne gesehen wurden. Die erste Ausstellung, die ich nach dem Kommunismus machte, bestand aus einer Serie von Gemälden über den Bürger von Shkodra, seine Verfolgung und sein Verschwinden. All diese Atmosphären, die real oder imaginär mit dem Thema verbunden waren, haben mich auf natürliche Art zu Melancholie und metaphysischen Situationen geführt. Dann gab es die religiöse Erziehung, die in der figürlichen Repräsentation Spuren des klassischen Ausdrucks weiterführte. Auch heute noch – wenn Du mich nach den Wurzeln oder dem Warum meiner künstlerischen Haltung, ihrem Ausdrucksmittel, ihren technischen Verfahren fragst – gibt diese Erfahrung des Klassischen die Orientierung.

Nach der Befreiung vom Hodscha-Regime hast Du das Land nicht wie Hunderttausende Anderer – auch viele Deiner Studenten an der Kunstakademie in Tirana - verlassen. Warum bist Du in Albanien geblieben?

Ich weiß nicht, vielleicht waren der Hauptgrund meine Eltern und familiäre Verantwortung. Und dann war ich ja schon Professor an der Kunstakademie, hatte also einen Arbeitsplatz. Ich glaubte, dass die Demokratie eine Garantie wäre für eine kulturelle und künstlerische Zukunft, dass man auch in unserem Land etwas machen konnte. Ich habe an die Magie des Wandels geglaubt, an Freiheit, Kommunikation, den Westen, die Kunst, ein besseres Leben… ?! Ich habe im Gegenteil nie daran gedacht, dass die Demokratie für Albanien so schwierig werden würde. Jetzt ist es spät, zu spät, jeden Tag, der vergeht, spüre ich diese Distanz. Ich habe sehr an die Realisierung bestimmter Umstände geglaubt, daran, nach und nach Werte und Qualitäten zu kultivieren, die wir so sehr brauchen. Aber wenn es so weitergeht, ist das fast unmöglich. Der Kommunismus taucht jeden Tag wieder auf, wir verlieren Zeit, sehr viel Zeit.

Du hast als Professor zum Beispiel Adrian Paci und Anri Sala unterrichtet und andere junge albanische Künstler, die dann international Aufmerksamkeit fanden. Was lehrst Du? Gibt es eine wesentliche Botschaft, die Du jungen Künstlern mitgibst?

Wie soll ich darauf antworten … denn die Antwort auf eine pädagogische „Technik“ ist bis heute damit verbunden, dass unsere Akademie nichts anderes war als eine Akademie des Sozialistischen Realismus, und nicht nur das Programm war so, sondern auch die Mentalität vieler anderer Professoren. Auch außerhalb der Akademie reagierten die Künstler gegen jede Idee und Form des Zeitgenössischen. Das Niveau der Information, die Werkstatt-Möglichkeiten, der Austauschen zwischen Professoren und Studenten zwischen unserer und anderen Akademien, all das gab es nicht, es war zu früh …. Das waren schwere Jahre und interessante zugleich. In dieser Situation war es meine Sorge, Phänomene in der richtigen Art und Weise zu benennen und zur erklären. In den 90er Jahren wusste man hier fast nichts von Konzept-Kunst und Postmoderne, schlimmer noch: die Vorstellung von Installations- und Videokunst oder Fotografie war inakzeptabel, sie wurden nicht als künstlerische Medien akzeptiert. In der Akademie ein anderes Programm, drei- oder vierdimensionale Strukturen zu akzeptieren, war nicht leicht. In dieser Situation habe ich alles Mögliche und mit großer Verantwortung getan, dass die intelligenten und talentierten Jungen nicht den falschen Weg einschlügen. Ich habe versucht, sie auf die richtige Weise zu führen, indem ich um sie herum eine von Dummköpfen freie Atmosphäre geschaffen habe. Und ihnen erklärt habe, dass sie an ihre Wahrheit glauben müssen, nur so würden sie das Neue finden. Wenn Du mich nach einer Botschaft für Lehrende fragst, ist schwer zu beantworten. Mein pädagogisches Verhalten wurde durch meine Studenten bestimmt. Ich habe sie alle respektiert. Jeder Student ist für mich ein Entwurf für sich. Die Arbeit des Lehrenden in einer Kunstschule (so betrachte ich sie) ist eine kreative Aktivität.

Wie ist die Situation an der Akademie heute? Ich erinnere mich, dass vor wenigen Jahren noch die „historischen“ Spannungen unter den Lehrenden herrschten, wer sich leicht dem Markt anpassen kann, wer welche Rolle in den lokalen und nationalen Netzwerken spielt. Was hat sich in den letzten Jahren geändert?

Mit dem Wechsel des politischen Systems funktionieren die Dinge zwangsläufig nach anderen Kriterien. Die Auseinandersetzung mit dem Ausland, mit dem Kunstsystem, mit der Kritik und einer Reihe von Beziehungs- und Kommunikationselementen, die wir anfangs gar nicht kannten, haben eine Reihe von rückständigen Lehrenden und Künstlern (wie Du sagst: „historischer Dimension“) gehen lassen, so dass ihr Widerstand schwächer wurde. Das einzige Überlebensmittel für sie war es, Macht zu erlangen, die Institutionen und Aktivitäten für ihre Interessen zu kontrollieren. Sie zerstören die kreative Atmosphäre, indem sie den Aktivitäten die Färbung politischer Militanz geben. Was den Markt angeht: das ist eher zufällig, außerhalb des Kunstsystems hier…. Während an der Akademie der einzige wirkliche Wandel die Bologna-Reform ist, die innerhalb des Schulsystems tausend Probleme schafft und nichts mit einer Kunstschule zu tun hat.

… und auf der Ebene einer Öffentlichkeit für zeitgenössische Kunst, von Museen, Galerien, Projekträumen, internationalem Austausch – was ist da passiert in den letzten Jahren?

Für die öffentliche Ebene zeitgenössischer Kunst hat ohne Zweifel die Biennale von Tirana, Onufri International und manche sporadische Aktivität eine wichtige und positive Rolle gespielt. Das Publikum akzeptiert im allgemeinen zeitgenössische Kunst, die Jungen haben eine Neigung dazu … Was Museen, internationalen Austausch, Projekte angeht – da passiert wenig oder gar nichts. Es fehlt vor allem die Motivation. Ich überlege mir zum Beispiel tausend Mal, ob es in diesem Moment Sinn hat, eine Ausstellung zu machen oder nicht. Keine einzige Galerie garantiert Dir auch nur einen kleinen Verkauf. Es gibt keine Rezension. Es gibt einen etwas müden Sammler, der ab und an mal etwas kauft, möglichst zu einem lachhaften Preis und nach seinem persönlichen – nicht sehr raffinierten – Geschmack.

Du sprichst italienisch, hast u.a. mit einer Galerie in Mailand zusammen gearbeitet. Hast Du besondere Beziehungen zu Italien? Wie siehst Du Italien heute?

Eigentlich habe ich mit Italien nicht so viel zu tun, seit zwei Jahren arbeite ich mit der JGM Galerie in Paris. Aber die Frage, die Du mir zuvor stelltest: warum ich dieses Land nicht verlassen habe, ist richtig. Es ist wahr, dass ich schon längst diese Land hier hätte verlassen sollen. …… Es reicht nicht, per email oder Internet zu kommunizieren. Übrigens muss ich sagen, dass die Villa Romana für mich eine gute Erfahrung war, mit einer Rückstrahlung bis heute, etwas, das mir innerlich geblieben ist. Eine komplexe Situation sicher, aber ein tiefe auch. Ganz körperlos. Eine schöne Geschichte. Danke!

Womit beschäftigst Du Dich zur Zeit in deiner Malerei? Mit welchen Motiven, welchen Fragestellungen?

in jüngster Zeit beschäftige ich mich mit Themen, die mehr oder weniger aus der aktuellen Situation kommen, sehr beladen von politischen Spannungen. Gerade bereite ich eine Reihe von städtischen Szenen vor, Züge einer Stadt oder vergessene, schmerzhafte Periferien. Gleichzeitig will ich eine andere Serie voranbringen über das Problem der Gewalt. Nicht immer ist das, was Du erlebst und empfindest auch eine interessante Problematik für andere …