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Mittelmeer-Dialoge

Mein Land ist, wo meine Meinung respektiert wird

Die ägyptische Künstlerin Eman Hamdy (Gastkünstlerin in der Villa Romana 2012) im Gespräch mit Angelika Stepken.


Eman, als Du - in einem sehr heißen August – in Florenz ankamst, hast du schnell mit einer Recherche über Bilder und Postkarten aus dem Zweiten Weltkrieg und die deutsch-italienischen Beziehungen während dieser Zeit begonnen. Was war der Ausgangspunkt für Dich, welches Material hat Dich interessiert?

Als ich während der dOCUMENTA in Kassel war, hatte ich das Glück, mehrere handbeschriebene Postkarten aus den beiden Weltkriegen zu finden. Ich liebe diese Art von intimen Dingen, die vergangene menschliche Gefühle festhalten und denen ein Teil der Seele des Besitzers innewohnt. Was es für mich jedoch noch spannender machte, war, dass Menschen auf diesen Postkarten zu sehen sind. Manche wirkten eher wie private Fotografien.

Ich versuchte, die Texte zu entschlüsseln, indem ich deutsche Freunde um Hilfe bat. Doch auch sie konnten die Schrift nicht lesen, was das ganze umso mysteriöser und interessanter wirken ließ.

Dann ging ich zurück nach Alexandria und arbeitete an dem Projekt Fiktion, das sich mit dem Zusammenspiel von Erinnerung, Wissen, Bild und unserem Bewusstsein von Zeit und Raum beschäftigt. Es ist ein Video, das persönliche Geschichte als kollektiven, erzählerischen Text präsentiert, das wahre und falsche Aussagen zitiert und auf den subjektiven Bau von Erinnerungen anspielt. Die Erzählung ist unterlegt mit den Aufnahmen eines leeren Gebäudes aus der Vergangenheit, in dem ein einsames Kind durch die Flure rennt und die Treppen herunter springt. So wurde Geschichte ein interessantes Thema für mich.

Auch die Tatsache, dass meine ersten längeren Reisen mich nach Deutschland und dann nach Italien geführt haben, lenkte meine Gedanken auf die Beziehungen zwischen den Weltkriegen, Deutschland, Italien und Ägypten. Ich fing an darüber zu lesen, Kriegsschauplätze in Italien zu besichtigen und machte dort Aufnahmen, die ich hoffentlich einmal zu einem Projekt zusammenfügen kann.

Als wir uns im letzten Januar kurz in Alexandria trafen, hattest Du erst eine Auslandsreise gemacht, zur Biennale nach Thessaloniki. 2012 ist viel in Deinem Leben passiert: Du hast aktiv als Mitglied der Kairoer Assistenengruppe an der dOCUMENTA13 in Kassel teilgenommen sowie am Kairo Seminar der dOCUMENTA in Alexandria. Nun, mit ein paar Monaten Abstand: Was geschah mit Dir während dieser intensiven Periode im „Auge des Sturms“?

Es war tatsächlich ein sehr intensives Jahr für mich. Ich half bei der Koordination, um das MASS (1) Alexandria Programm 2012 zu starten und arbeitete denn Vorbereitungen für meinen Master of Arts. Ein Student des MASS Alexandria Programms zu sein, heißt an Lesungen, Diskussionen, Workshops und kritischen Sitzungen teilzunehmen, die von intelligenten und aktiven Künstlern, Kuratoren und Kunsterziehern geleitet werden. Dann wurde ich als eine der Kunstassistenten des Kairo Seminars ausgewählt. Es war eine tolle Erfahrung,  all diesen supernetten und talentierten Künstler so nah zu sein, die an der dOCUMENTA 13 teilnahmen.

Ich half Theaster Gate bei seinem Projekt Hugenottenhaus, das wirklich fantastisch ist. Ich bin dankbar, ein Teil der „house family“ gewesen zu sein. Dass im Anschluss das Seminar der dOCUMENTA in Alexandria stattfand, war eine große Chance, vor allem in dieser kritischen Zeit, die Ägypten gerade durchlebt. Meistens war das Seminar für Aussenstehende geschlossen, doch es gab auch zwei öffentliche Sitzungen im Goethe Institut in Alexandria und Kairo. Anschließend mussten wir unsere Projekte und eine Ausstellung fertigstellen zum Ende des MASS-Programms. Ich habe dort das Video gezeigt, das ich auch bei den Open Studios in der Villa Romana vorführen durfte. Dann packte ich und brach Richtung Florenz auf.

In Florenz hast Du bald „schockiert“ mit der Aussage, dass Kassel und die Menschen dort Dir viel besser gefielen als das Leben in Florenz. Wie meintest Du das?

Es war schockierend für mich, weil ich dachte, die Menschen in Italien seien eher wie Ägypter, also hilfsbereit, und die Sprache sei einfacher. Aber dann ist mir aufgefallen, dass ich Kassel sehr mochte, weil dort alles organisierter, leichter und schneller war.

Die Menschen in Kassel waren gar nicht so pragmatisch, wie ich erwartet hatte, vielleicht weil es eine so kleine Stadt ist. Aber das Verhalten der Leute empfand ich als freundlicher als das der Italiener. Wenn ich ein Land auswählen müsste, um dort zu leben, zu arbeiten und zu studieren, wäre Deutschland meine Wahl.

In Deinem Portfolio beschreibst Du sehr präzise einen Wendepunkt in Deiner Ausbildung, an dem Du alles gehasst hast: die Ausbildung, die Malerei, Dich selbst. Dann hast du neue Werkzeuge, neue Fragen und Ausdrucksweisen gefunden. Hatte das alles mit den restriktiven, konservativen Vorstellungen von Kunst zu tun, die Dich umgaben?

Als ich noch an der Akademie studierte und bevor MASS Alexandria begonnen hatte, war ich verwirrt und wusste nicht, was zu tun war. Ich sträubte mich gegen das Ausbildungssystem, aber wusste nicht wohin. Die starren Bilder Regeln der Akademie interessierten mich nicht mehr, vielleicht war es auch einfach so, dass ich mich nicht mehr durch Malerei und andere Medien ausdrücken konnte. Vor dem MASS Seminar hatte ich ja keinen anderen Zugang zu zeitgenössischer Kunst. Ich hatte das Wort noch nie zuvor gehört, da alles bei der „Moderner Kunst“ endete, auch die Bücher in der Bibliothek. Als Reaktion auf meine konservativen Professoren und das ganze System der Akademie, begann ich alles zu hassen. Nach dem Abschluss suchte ich nach Alternativen, obwohl mich das College wegen meiner guten Noten als Lehrassistentin einstellte. Als das MASS – Programm endlich begann, gab ich mein Bestes, um meinen wirklichen Weg zu finden, der die ganze Zeit verborgen war. Ich begann mit allen Mitteln mich selbst zu erkunden und meine eigenen Vorstellungen, jenseits von Druck und Vorurteilen, zu finden. Das war mein Ausgangspunkt.

In deinem neuen Video TITEL reflektierst du ein Selbstbild durch die Augen / Stimmen anderer; hauptsächlich Deiner Lehrer an der Kunstakademie. Du kombinierst dort soziale Urteile / Texte mit Bildern der Akademiearchitektur und einem kleinen Mädchen, das durch die Treppenhäuser und Korridore streift. Warum hast du die Figur eines kleinen Mädchens verwendet?

Wenn ich darüber nachdenke eine Arbeit zu verwirklichen, brauche ich viel Zeit um zu recherchieren und mich selbst zu fragen: warum tue ich das? Wofür? Aber wenn ich dann mit der Realisierung beginne, fühle ich ob ich es so oder anders tun möchte. Ich kann Dinge visualisieren und beginne Gefallen daran zu finden.

Wenn ich zu diesem Punkt komme, handle ich einfach, anschließend denke ich darüber nach. Ich glaube, dass nach all den Recherchen, dem Lesen und Denken mein Unterbewusstsein gut Bescheid weiß. Erst nach Beendung des Projekts fange ich dann an zu analysieren, warum ich etwas getan habe.

Es geht ja um Kunst, nicht um Wissenschaft, es geht eher um Sinn als um Worte und das kleine Mädchen. Vielleicht erinnert sie mich an mein jüngeres Ich, vielleicht spiegelt sie mein Gefühl wieder, mich jetzt klein und innerlich wie ein Kind zu fühlen. Oder aber sie  repräsentiert einfach das unvoreingenommene Denken, das ich durch all die Ausbildungsinstitutionen verloren habe, besonders in der Kunstakademie.

Du bist jetzt seit zehn Tagen wieder zurück in Alexandria. In Deiner letzten Email schriebst Du, Du würdest nun einen Deutschkurs belegen und gerne emigrieren, weil Du Dich in dem Land, in dem du aufgewachsen bist, nicht mehr zu Hause fühlst. Es sind kaum zwei Jahre seit dem Fall Mubaraks vergangen. Siehst Du einen Zusammenhang zwischen der politischen Situation Deines Landes und Deiner persönlichen?

Sicherlich gibt es da einen Zusammenhang. Es geht nicht darum, ob es nach Mubarak besser oder schlechter ist. Vor der Revolution war ich relativ hoffnungslos und hätte nie gedacht, dass die Menschen eines Tages rebellieren würden. Daher hoffte ich, das Land zu verlassen dem Gefühl, dies sei Schuld der Regierung. Jetzt ist es anders, weil sich angeblich alles geändert haben soll. Aber nach all den Jahren schlechter Ausbildung und  Armut treffen die Menschen, von der Not getrieben, falsche Entscheidungen. Es geht nicht nur um Revolution, sondern um die Menschen selbst. Nach der Wahl der Partei der Muslimbrüder zur Regierungspartei, die im Namen Gottes spricht (obwohl sie ihn nicht kennen), hasse ich sie total. Wir sind immer ein moderates Land gewesen, jetzt möchten sie es in so etwas wie Saudi Arabien verwandeln. Es ist hart für jemanden wie mich, der es verabscheut gesagt zu bekommen was man tun soll. Ich möchte nicht von Menschen regiert werden, die nur Geld wollen („im Namen Gottes“ und doch so weit davon entfernt). Mich verwirren die Leute, die nur nach Nahrung suchen und alles, wovon sie geträumt haben, vergessen. Obwohl es doch fast erreicht war! Das kann man genauso gut auf die Akademie beziehen. Ich fühle mich, als würde ich nicht mehr hierher gehören. Mein Land ist, wo meine Meinung respektiert und meine Arbeit geschätzt wird, nicht da, wo meine Familie geboren wurde.

Eine letzte Frage: Du hast drei Monate in der Villa Romana verbracht. War das eine lange Zeit für Dich? Nimmst du etwas mit von diesem Ort?

Es war nicht so lange, um sich komplett einzugewöhnen, aber auch nicht so kurz wie eine Reise. Es war eine friedliche und produktive Zeit, die es mir erlaubt hat, mich besser kennenzulernen, was ich wirklich will und woran ich arbeiten muss.

Ich glaube, der Frieden, den ich hier empfand, wird meine Kraft jedes Mal wieder aufladen, wenn es mir schlechter geht. Das ist sicher das Beste, was ich von diesem kleinen, supernetten deutsch-italienischen Ort mitnehme.


(1) MASS Alexandria ist ein 2010 von dem Künstler Wael Shawky initiertes Fortbildungsprogramm für junge ägyptische Künstler in Alexandria.

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