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Mittelmeer-Dialoge

2014

Ghassan Halwani

Beirut: die letzten verfügbaren Lügen

Der libanesische Künstler Ghassan Halwani (Gastkünstler in der Villa Romana 2014) im Gespräch mit Angelika Stepken.


Ghassan, du hast vor kurzem in der Villa Romana einen Vortrag gehalten, und dabei über die zwei Zeiten, in denen du lebst, gesprochen: die eine ist die des westlichen Kunstsystems mit ihrer Logik, ihrem Markt, aber gleichzeitig auch eine Zeit der Konzentration, die andere ist die Beirut-Zeit mit sehr viel mehr Anspannung, wo du dich hauptsächlich als Aktivist bewegst. Was bedeutet es für dich, mit diesen zwei Zeiten oder zwischen zwei Zeiten zu leben?

Es ist ein Problem, diese beiden Momente gleichzeitig zu leben. Es begann in meiner Jugend, als ich den Libanon verließ, um in Paris einen Teil meiner Universitätsstudien zu absolvieren. In Wahrheit war der Grund meiner Abreise nicht das Studium, sondern die Notwendigkeit, dem Militärdienst zu entkommen, der damals obligatorisch war. Wie du dir vorstellen kannst, waren mein Hintergrund und meine Zielsetzungen - durch die Umstände und Zeiten in Beirut - sehr verschieden von denen meiner europäischen Kollegen in den Klassenzimmern. Ich hatte keinen langfristigen Plan für meine Studien; meine Ambitionen begrenzten sich auf kurzfristige und materielle Ziele.

Vor meiner Ankunft in Paris durchlebte ich einige sehr intensive emotionale und physische Erfahrungen. Dann begegnete ich dem theoretischen Teil meiner Studien: Geschichte der westlichen Kunst, der intellektuellen Strömungen und Bewegungen, all das war vor allem auf eine europäische Erfahrung bezogen. Am Anfang war es ein Schock, als ich realisierte, dass meine früheren Erfahrungen in diesem Teil der Welt und in diesem Zeitraum nicht zählten. Aber nach dem Schock begann ich das zu akzeptieren und war bereit, die westliche Geistesgeschichte und die führenden zeitgenössischen Praktiken anzuerkennen und zu studieren.

2005 entschloss ich mich, meine Studien in Paris aufzugeben, aus einem anderen „physischen“ Grund: die Ermordung des libanesischen Ministerpräsidenten. Als ich die Nachricht hörte, stand ich vor der Aula des Klassenzimmers. Wir sollten ein Fragment aus Roland Barthes La Chambre Claire (Das helle Zimmer) diskutieren. Es war ein sehr gewaltsamer Moment in Beirut und mir wurde klar, dass ich europäisches Reich betreten würde, wenn  ich über die Schwelle gehe, und ich beschloss, das nicht zu tun. Ich war sicher, dass im Libanon der Beginn einer neuen Ära unmittelbar bevorstand.

Du studiertest damals Photographie?

Ja. In dem Augenblick meiner Entscheidung aufzugeben, fühlte ich sehr klar, dass ich gespalten war zwischen der europäischen Zeit und der des Nahen Osten.

… es geht also nicht um das Leben in einer anderen Realität, sondern in einer anderen Zeit?

Ja, obwohl ich nicht sicher bin, wie ich die beiden Begriffe voneinander trennen soll. Ich denke an ein Beispiel: Westeuropa hat seine Erfahrung mit Kriegen innerhalb der eigenen Grenzen. Heute ist Westeuropa fähig, mit Distanz darauf zurückzuschauen als Teil seiner Vergangenheit. Wir könnten sagen, dass das heutige Westeuropa in der Zukunft seiner vergangenen Kriege im Land lebt. Im Mittleren Osten befinden wir uns gerade in gegenwärtigen Kriegszeiten.

Die Entscheidung, Europa zu verlassen, bedeutete das Aufgeben meiner europäischen Perspektiven. Während meiner Anwesenheit hier und unter dem Einfluss meines Studiums, bewegten sich meine Ambitionen von lokalen und persönlichen Interessen hin zu universellen Diskussionen, ort- und zeitlosen Gegenständen und Praktiken. Meine Entscheidung, nach Beirut zurückzukehren, bedeutete, mich wieder auf eine lokale Diskussion und einer sehr spezielles Publikum einzulassen.

Ist das notwendigerweise ein Widerspruch?

Es ist kein Widerspruch, sondern eine Änderung in der Sprache und den Werkzeugen, die ich verwende. Und es gibt sicherlich einen klaren Unterschied in dem, was ich in dieser Diskussion anstrebe. Wenn ich die Diskussion innerhalb der Örtlichkeit einer Region halte, bedeutet das, die sozialen und politischen Diskussionen zu spezifizieren, die so meiner Arbeit die Perspektive einer technischen Errungenschaft geben. Sie außerhalb dieses lokalen Rahmens zu transferieren, würde das Projekt eher auf die Form einer Diskussion beschränken.

Hast du die Erfahrung dieser zwei verschiedenen Zeiten jetzt bei deinem Aufenthalt in Florenz wieder gemacht?

In Florenz fühlte ich mich sehr weit entfernt von der anderen Seite des Mittelmeers. Ich fühlte das Bedürfnis, auf die andere Seite zu schwimmen und nicht das Flugzeug zu nehmen, um mir darüber klar zu werden, wie weit weg ich war. Als ich versuchte hinüberzuschwimmen, wurde mir klar, dass ich keine Arme hatte, so wie die klassischen westlichen Frauenstatuen. Dieses Gefühl war ein Produkt meines westlichen Gepäcks. Was ich meine, ich hatte das Bedürfnis, meiner eigenen regionalen Erfahrung näher zu kommen. Aber manchmal fühle ich dieselbe Distanz, wenn ich mich in Beirut auf einer Kunstplattform befinde. Ich spüre die Einflüsse meiner auswärtigen Erfahrungen.

Auf welche Weise?

Zum Beispiel in Diskussionen, die das Thema „Memorials“ betreffen. Ich frage mich, woher diese Idee von „Memorials“ kommt, die sich auf den Krieg im Libanon bezieht? Wir haben bis jetzt die Probleme des Bürgerkriegs noch nicht geklärt, wie sollen wir jetzt schon an „Memorials“ denken? Jemand sprach über ein „Memorial“ für die während des Bürgerkriegs vermissten Personen. Aber wir suchen noch nach diesen Menschen, es ist ein enormes Verbrechen. Der Künstler ist jemand, der bereits einen Schritt weiter ist, der in einer anderen Zeit mit diesen ausländischen Einflüssen und Erfahrungen lebt und bereit ist, sein Memorial zu errichten.

Aus einer anderen Perspektive: einer meiner Filme lief mehrere Male in Europa in Programmen, die so betitelt waren: Filme aus Beirut, Junge Künstler aus dem Mittleren Osten, Libanon-Film-Programm …und jedes Mal ging aus der Diskussion hervor, dass mein Film als Kriegsfilm verstanden wurde, auch wenn er die Adaption eines Märchens war. Ich hatte den Verdacht, dass das Problem als Strategie des Programms auftrat.

Das weckt in mir den Zweifel, ob wir verschiedene Entscheidungen treffen müssen, um für ein globales Publikum effizienter zu sein.

Aber was wäre, wenn du eine solche Effizienz vermeidest? Würdest du dich einem lokalen Publikum näher fühlen? Du hast auch einen anderen Konflikt erwähnt: Künstler und Aktivist zu sein …

Wie ich vorhin sagte, ich glaube, dass  die Fokussierung meiner künstlerischen Sprache in Richtung lokales Publikum für mich bedeutet, dass ich eine technische Strategie anwende, um dem Thema näher zu kommen, und dass es mein Wunsch ist, eine lokale Diskussion oder Aktionen auszulösen. Das schließt nicht aus, das Werk im Ausland zu zeigen, sollte sich eine Gelegenheit ergeben…

Das erfordert eine Entscheidung darüber, ob ich eine Angelegenheit aus künstlerischer oder aktivistischer Perspektive aus angehe. Ich will nicht sagen, dass es zwangsläufig einen Widerspruch gibt. Aber bei einer künstlerischen Annäherung nehme ich ein bestimmtes Thema zum Gegenstand meiner persönlichen Arbeit, ich nehme mir die Zeit, die ich brauche und ich präsentiere es, wenn ich fertig bin. Während ich, wenn ich einen aktivistischen Zugang wähle, mich aus dem Bild abstrahiere und andere Werkzeuge und Sprachen anwende. Die Zeiteinteilung ist bei diesen Optionen total unterschiedlich.

Aber mir scheint, dass es bei deinem Langzeitprojekt über die Sichtbarkeit der Vermissten zu einer Schnittmenge zwischen diesen zwei Wirklichkeiten, diesen zwei Daseinszuständen, kommt.

Ja. Früher habe ich eine klare Linie gezogen, die ich nie überschreiten wollte: die Causa der Vermissten in meine künstlerische Tätigkeit einzubringen. Nun überquere ich diese Linie. Mein Bezug zu dieser Causa ist ausgesprochen kompliziert. Ich war immer diesbezüglich aktiv, bedingt durch eine persönliche Involvierung; seit Jahren arbeite ich mit dem Komitee der Familien der vermissten Personen. Vor einigen Jahren habe ich an einem Workshop des Roten Kreuzes teilgenommen, wie man mit der Situation der Massengräber umgehen kann. Physisch und politisch.

Darf ich dich kurz unterbrechen? Bei deiner Ankunft in Florenz fandest du ein Buch über die Vermissten in unserer Bibliothek und fragtest mich sofort: Warum ist das hier? Woher kommt das? Erst einige Wochen später, während deines Vortrags, habe ich erfahren, dass du auf sehr persönliche Weise betroffen bist – dein Vater verschwand.

Ja, er wurde 1982 gewaltsam aus unserer Wohnung entführt. Und die Entdeckung des Buchs in der Villa hat mich wirklich schockiert. Ich habe die Bibliothek einige Male besucht, und das Buch über die Vermissten Personen ist mir erst nach einigen Wochen ins Auge gesprungen. Dieser Moment war sehr einschneidend. Es ist ja keine große Bibliothek hier, aber es gibt ein Buch über den Libanon und es handelt von den Vermissten. Ich fühlte sofort die Angst aus der Perspektive der institutionellen Arbeit. Ich meine, die Institution hinter der Publikation des Buches, und hinter dem Umstand, der es ihr ermöglicht, eine Kopie in eine Bibliothek zu stellen, die so weit weg ist vom Libanon wie eben Florenz.

Ich habe dich unterbrochen, als du über den Rot-Kreuz-Workshop gesprochen hast…

Ja, der Workshop über die Massengräber erschien wie eine Fantasterei indem er all diese Lernprozesse über Gewalt umsetzen sollte. Es ist uns kaum erlaubt, Fotos in Beirut zu machen, wie konnten wir uns vorstellen, auf dem Schauplatz eines Verbrechens zu graben, dafür eine Erlaubnis zu erhalten!

Du fragtest mich vorhin, was dazu geführt hat, dass ich die Linie überquerte und die Causa der Vermissten in meine künstlerische Arbeit einbrachte.

Im April 2008 lief ich in einer Straße in Beirut sehr nah entlang einer Mauer. Plötzlich fing etwas sehr Kleines meine Aufmerksamkeit. Ich blieb stehen, um es zu betrachten. Es war ein sehr kleines gedrucktes Bild, kaum zwei Zentimeter groß, vom Gesicht meines Vaters. Ein Teil seines Kinns, sein Ohr und sein Haar waren zerkratzt. Es war das erste Mal, dass ich einem Bild von ihm in der Öffentlichkeit begegnete. Es war ein gewaltsamer Augenblick. Das Bild war winzig und eingefügt in ein riesengroßes Raster aus fast hundert Photographien von anderen vermissten Personen. Es war ein Plakat, das die Ausstellung einer Institution ankündigte, die ein Archiv über die vermissten Personen führt. Es ist dieselbe Organisation, die hinter dem Buch in der Bibliothek der Villa steht.

Das UMAM-Projekt, das den Katalog veröffentlichte, den du in unserer Bibliothek gefunden hast?

Ja. Mein erster Eindruck während dieser brutalen Begegnung war das Gefühl eines nochmaligen Verlustes derselben Person. Innerhalb dieses Rasters schien sie so anonym, kollabiert, um ins Format zu passen – ob das nun das Format der Causa oder das des Designs ist.

Ich hatte einen Stift bei mir, und so begann ich die zerkratzten Teile seines Gesichts zu retuschieren, zu heilen. Dabei nahm ich wahr, das neue Schichten von Gefühlen in mir hervorkamen in Bezug auf diese meine alte, wohlbekannte Geschichte. Etwas anderes tauchte auf, etwas das über den Kampf um Wahrheit und aktivistische Arbeit hinausging.

Aber ich machte nichts daraus. Dieser Moment quälte mich für lange Zeit.

Zwei Jahre später nahm ich an diesem Workshop über Massengräber teil. Nachdem ich alle dort gelernten Informationen absorbiert hatte, ließ mich meine Unfähigkeit, sie in die Tat umzusetzen, daran denken die Linie zu übertreten, die ich mir selbst gezogen hatte.

Im Februar 2013, fast sechs Jahre nach dem Vorfall mit dem Plakat auf der Straße, quälte mich das Geschehen noch immer. Ich beschloss, das Plakat wieder ausfindig zu machen. Anstatt das Land umzugraben, um die Leichen zu bergen, grub ich mich durch sechs Jahre Werbung auf den Wänden Beiruts, auf der Suche nach den kleinen gedruckten Gesichtern. Diese Aktivität war ergebnisreicher als ich dachte. Die Schichten von Plakaten wurden wie zu einem Archiv über das, was in den letzten Jahren im Land passiert war.

Als ich anfing, die Gesichter zu finden, waren sie, bedingt durch Regen, Sonne und Kleister, in einem fürchterlichen Zustand. Die meisten Personen waren nicht mehr erkennbar.

Es ist ein in sich widersprüchlicher Prozess, denn als die Plakate erstmals auftauchten, warst du gegen diese Art von Veröffentlichung der Gesichter. Sechs Jahre später betrachtest du sie als eine Ablage vergessener Geschichte.

Jemand hat die Bestie losgelassen. Lasst sie leben! Du kannnst nicht etwas in solch einem Ausmaß beginnen und dann zulassen, dass es vergessen wird.

Ist die Realität der vermissten Personen heute noch gegenwärtig im Libanon? Oder ist sie versteckt wie die Plakate?

Es ist ein kontinuierlicher Kampf, sie präsent zu halten unter den dauernd wechselnden Realitäten des Landes. Es ist sehr schwierig, sie sichtbar zu halten bei all dem, was geschah und geschieht in einem Staat, der immer bereit ist, die Spuren des Bürgerkriegs auszulöschen, dem Vergessen anheim zu geben.

Wurde nie politische Verantwortung dafür übernommen?

Nein. Stattdessen gibt es das Verbrechen, die Leichen der früher Ermordeten noch einmal zu töten. Das erste Verbrechen wurde durch die Generalamnestie im Jahr 1991 ausradiert. Ich frage mich immer, ob der Effekt der Amnestie sich wohl ausweiten wird, um neue Verbrechen zu löschen.

Du hast darüber gesprochen, wie du durch das Wiederentdecken öffentlicher Bilder auch mit den Veränderungen in der Stadt, neuen Baustellen, neuen wirtschaftlichen Strategien, konfrontiert wurdest. Vor diesem Interview zeigtest du mir einige neue Zeichnungen. Sind diese Arbeiten der nächste Schritt, dich vom realen Ort zu entfernen und die Vermissten zu einer anderen Erzählebene, in eine künstlerische Sprache zu bringen?

Der erste Ort, an den ich ging, um die Bilder zu suchen, war die Mauer, an der 2008 der Vorfall mit dem Plakat geschah. Es war ein Parkplatz. Als ich dort ankam, wanderte ich eine Weile herum, es war komisch, ich konnte die Mauer nicht finden, und auch keinen Parkplatz. Ich begann an mir selbst zu zweifeln. Nach einer gewissen Zeit schaffte ich es, den Ort zu lokalisieren, zumindest den Platz, wo die Mauer früher stand. An seiner Stelle stand ein enormes neues Gebäude und das hatte mich um meine Orientierung gebracht. Die Mauer war weg. Die Stadt verändert sich sehr schnell. Vorbilder, Landschaften, Ambitionen, Trends, sogar das Gesetz ändert sich … um immer die Möglichkeit zu haben, sich in jedes korrupte Projekt hinein drängen zu können.

Ich beschloss, diesen Prozess zu filmen, als ich feststellte, dass es mir unmöglich war, all die komplexen Schichten, denen ich bei dieser archäologischen Arbeit begegnete, zu verstehen.

Nun mache ich diese Zeichnungen, weil ich begonnen habe in einer Projektmodalität zu denken, aber ich habe noch starke Zweifel über diesen Wechsel und über das, was ich gerade tue.

Als ich schließlich Plakatfragmente an zwei Mauern in der Stadt fand, identifizierte ich die Personen, heilte die Gesichter derer, die ich wiedererkannte, schrieb ihre Namen, ihre Geburtsdaten und das Datum und den Ort ihrer Entführung auf. Und ließ sie dort. Da stand nichts anderes dahinter. Kein Projekt, keine Ausstellung …

Es war dann eine glückliche Überraschung, dass die jungen Plakatierer diese Gesichter nie wieder überklebten. Jedes Mal klebten sie die neuen Plakate sorgfältig rundherum.

Ein Zeichen von Aufmerksamkeit und Respekt?

Ja, es war wirklich schön, eine Form von Aneignung und Betroffenheit. Ich fühlte eine Art Unterstützung und Verständnis, das auf einfache Weise, ohne Worte oder Darstellung herüber kam.

Aber wie gesagt, ich habe erst später angefangen, ein Projekt dazu erarbeiten, an dem ich immer noch tagtäglich zweifle.

Ich bin überzeugt – auch wenn ich zögere dies zu sagen - dass die Causa eine neue Form der Annäherung braucht, speziell für die jungen Generationen. Sie handeln, als hätten sie keine Ahnung von der fürchterlichen Realität im Innern des Landes, in dem sie leben.

Ein sehr trauriger, aber auch sehr wichtiger Vorfall brachte mich dazu, darüber nachzudenken, wie dringend es ist, eine neue Art des Schreibens über die Causa zu beginnen. Eine Mutter von zwei vermissten Kindern wurde von einem Auto überfahren und war auf der Stelle tot. Sie war das letzte lebende Familienmitglied. Die Familie war jetzt ausgelöscht. Als wir ihr Begräbnis vorbereiteten, wurde uns klar, dass ihre DNA die letzte Chance darstellte, ihre beiden vermissten Kinder wiederzuerkennen, sollten ihre Leichen je geborgen werden. Im letzten Moment wurde ein Fragment ihrer DNA entnommen. Und mir erschien ihre DNA plötzlich wie ein Vermächtnis der Wahrheit.

Die DNA als Saat für Wahrheit, für eine zukünftige Geschichte?

Theoretisch ja, obwohl ich nicht so optimistisch bin, was Wahrheit in der zukünftigen Geschichte betrifft. Aber wir wollen wenigstens die wahre Identität der Menschen feststellen, die wir hoffen zu bergen. Das hat mich dazu gebracht, diese Wahrheit mit denen zu vergleichen, über die die Milizen noch immer streiten in der Frage, was in die Geschichtsbücher für den Schulunterricht aufgenommen werden soll.

Hast du eine Art Story für die neue Narration oder entwickelt sich das Projekt aus Fragmenten und Bildern?

Das Projekt funktioniert eher als eine Art Gedicht-Anthologie. Jeder Akt ist ein Versuch, Schlüsselereignisse, die direkt die Spuren dieser vermissten Personen betreffen, zu lesen. Diese Schlüsselereignisse, Vorfälle oder Umstände, sind zum Beispiel: das Gesetz der Generalamnestie, die Neubaustrategien auf den Schauplätzen von Verbrechen, die vom Staat unternommenen Maßnahmen, die Kriege, die auf den Bürgerkrieg folgten, die Repräsentation der vermissten Personen in unserer Gesellschaft, der Tod der Frau, die ich vorhin erwähnt habe …

Eine Visualisierung solcher Schlüsselereignisse könnte zu einem besseren Verständnis beitragen, warum einige Leute immer noch forschen, exhumieren und identifizieren wollen.

Die Zeichnungen, die du mir zuvor gezeigt hast, scheinen verschiedene soziale und physische Schichten urbanen Lebens aufzuzeigen. Aber das Hauptthema sind immer noch die Vermissten?

Ja, aber all diese verschiedenen Schichten sind vermischt und verknüpft.

… Geht es um die Kultur eines Landes, worüber Leute sprechen und worüber sie nicht sprechen, was sichtbar ist und was versteckt?

Ja, genau, es geht darum, die Repräsentationsfiguren und die neuen Vorbilder innerhalb unserer Gesellschaft abzukratzen und freizulegen, was hinter diesen neuen Mauern versteckt ist. Wir haben jede Menge Geheimnisse. Ich frage mich, wie wir fähig sind, als Gesellschaft zu funktionieren mit all diesen Geheimnissen. Wir verwenden unsere letzten Ressourcen: die letzten verfügbaren Lügen. An einem bestimmten Punkt, wird alles kollabieren oder explodieren. Ich hoffe, es wird ein Kollaps sein.

Würde das eine Art Versöhnungsprozess möglich machen?

Wahrscheinlich! Ich glaube, wir brauchen eine gemeinsame wahre Geschichte, und die einfachste ist die, die wissenschaftlich bewiesen werden kann. Keine unserer zeitgenössischen Geschichten ist annehmbar oder allgemein anerkannt. Die Geschichten über den Bürgerkrieg haben viele Versionen, damit sie für die Politik und Ambitionen der jeweiligen Gemeinschaften passgerecht sind.

In Sarajevo und in Zypern zum Beispiel mussten kämpfende Einheiten gemeinsam an den Fällen der Vermissten und den Massengräbern arbeiten. Sie waren gezwungen, an einem wissenschaftlichen und technischen Prozess teilzunehmen. Die lokalen Gemeinden und nicht die internationalen Organisationen hatten die schwere und harte Arbeit zu verrichten: graben, exhumieren und identifizieren. Die Internationalen Organisationen stellten die technische Ausbildung und beaufsichtigten die Arbeit.

Du verbindest jetzt das Lokale mit dem Globalen. Das war am Anfang unseres Gesprächs ein schwieriges Thema. In welcher Form oder in welchem Format wirst du in nächster Zukunft damit umgehen?

Alle diese Fälle von vermissten Menschen überall auf der Welt haben etwas Gemeinsames. Pinochet verstreute die Gebeine seiner Opfer in der Atacamawüste, um das Beweismaterial der Verbrechen zu beseitigen. Im Libanon wurden tausende von Leichen in das Mittelmeer geworfen und Gott weiß wo. In Argentinien führten die Mütter der Plaza de Mayo einen ähnlichen Kampf wie die Mütter im Libanon.

Ich verstehe, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt, sowohl in der Logik der Täter als auch im Kampf der Mütter oder im Umgehen einer Gesellschaft mit ihrer düsteren Vergangenheit. Wie ein Verbrecher mit seinem Verbrechen oder wie eine Person mit dem Verlust umgeht, scheint mehr in der menschlichen Natur zu liegen als in geografischen Erfahrungen. In meinem Projekt fokussiere ich die lokalen und individuellen Erfahrungen innerhalb der paradoxen Realitäten Beiruts. Ich glaube, dass diese individuellen Erfahrungen anderen sehr ähnlich sind, jenen in Sarajevo, Chile … Aber es gibt einen großen Unterschied: In vielen Fällen konnten die Familien in diesen anderen Ländern die Gebeine ihrer vermissten Verwandten bergen. In unserem Fall können wir nur über die Bedeutung und die Auswirkung solcher Bergungen spekulieren.

Du wirst nun nach drei Monaten als Gastkünstler in der Villa wieder nach Beirut zurückgehen. Viele andere Künstler überlegen zur Zeit Beirut zu verlassen wegen der höchst gespannten politischen Situation und den schwierigen, alltäglichen Lebensbedingungen.

Es wird jetzt schwieriger für alle. Ich habe versucht, anderswo zu leben, aber es gibt immer etwas, das mich nach Beirut zurückzieht. Es ist wie ein schwarzes Loch. Es betrifft mich, was im Libanon und in der Region geschieht, aber nicht als Künstler oder Aktivist. Ich habe dort alles: meine Familie, meine Freunde, meine Geschichten. Es ist fürchterlich, außerhalb des Landes zu sein und in den Zeitungen zu lesen, was dort geschieht.