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Mittelmeer-Dialoge

2015

Mirene Arsanios

Ein Teil von Dir fängt Feuer*

Der Satz „Zeit, die mit Worten gewonnen wird, geht bei ihrem Schreiben verloren“ stammt aus dem Jahr 2011. Eine junge Frau Ende Zwanzig hat ihn niedergeschrieben, obgleich sie ihn nicht erfunden hat. Sie muss ihn irgendwo gelesen haben, in einem Buch oder auf einer Werbefläche. Von 2011 bis heute hat die junge Frau viele andere Dinge gesagt, auch banale: „Wie viel kostet diese Flasche Milch?“ „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen“ „Nein, jetzt nicht“ oder „Ich bin niemals in Japan gewesen“. Aber keiner dieser Sätze wurde aufgezeichnet oder niedergeschrieben. Nur ein Satz überlebte. Die junge Frau schreibt ihn immer noch.

Sie tippt das Pronomen „es“. Sie tippt ganz langsam und selbstvergessen angesichts meiner Gegenwart. Ich sitze in ihrer Nähe und sie bittet mich, wegzugehen, in einem Jahr wiederzukommen. „Ein Jahr? Der Verleger erwartet den Satz noch heute.“ „Ich bin langsam“, sagt sie, „ich schreibe mit meinem Kopf, nicht mit meinen Händen.“

Ich überlasse die junge Frau ihren Gedanken, kehre in mein Zimmer zurück und stelle mich ans Fenster. Ein Kran hievt einen Packen von Stangen hoch. Ein altes Haus wird abgerissen. „Tahet!“ schreit ein Bauarbeiter dem Kran entgegen. Die Person, die den Kran steuert, hört ihn nicht. „Tahet!“, wiederholt er. Der Lärm, den das Ausheben von drei Baugruben erzeugt, grenzt meine Wohnung zu einer Insel ein. Ich gehe schleppend zurück ins Wohnzimmer. Schreiben ist beharrlich, es ist mir voraus.

Ich zünde mir eine Zigarette an, ohne sie zu rauchen. Ich habe vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Ist die junge Frau, die in meiner Nähe sitzt, eine Raucherin? Ist sie jünger als ich? Ich muss älter sein als ihr Satz. Wir sind uns nicht ähnlich. Ihre Traurigkeit geht von einer leichten in eine sehr verzweifelte über. Ich beobachte sie, mache mir Notizen über ihre Gewohnheiten, passe auf, ihre Privatsphäre nicht zu verletzen. Ich möchte an ihre Fähigkeit glauben, mittels der Sprache die Gewalt der Stadt zum Ausdruck zu bringen, was mir nicht gelungen ist.

Ich wohne auf einer Insel, auf der dritten Etage, über der zweiten Etage, wo Lamine, der Drogendealer, gelebt hat. Im Aufzugskorb würde ich hören, wenn er morgens Kokain schnupft. Ich habe den Verdacht, dass neben Lamine noch jemand anderes auf dem zweiten Stock wohnte, jemand, der nachts vor Schmerz schreien würde. Eines Tages wurde Lamine verhaftet. Ich frage mich, ob die junge Frau im Wohnzimmer mit ihrem Kopf eine Geschichte über Lamine schreibt. War sie diejenige, die schrie, während die ganze Stadt schlief?

Bin ich eingeschlafen? Die junge Frau zündet sich eine Zigarette an. Ihre Hände sind flach, ihr Blick ist sanft. Staub bedeckt ihre Schultern. Wahrscheinlich hat sie auf dem Balkon gesessen, Tee getrunken und den vorbeifahrenden Autos zugesehen, so wie ich es mache. „Bist du fertig?“, frage ich sie. „Fast“, sagt sie, und nimmt einen tiefen Zug. Sie atmet aus. Die Souveränität ihrer Bewegungen, jede erscheint wie eine Skulptur, lassen mich annehmen, dass sie frei ist. Ich zünde eine Zigarette an. Anstatt mit einem neuen Satz zu beginnen, masturbiere ich zum Dröhnen eines Motorhammers. Der Lärm geht weiter, nachdem ich gekommen bin. Die junge Frau beobachtet mich. Sie sagt, dass sie am Schreiben ist.

Ich ignoriere die E-Mail des Verlegers, die sich in meiner Mailbox befindet. Ich schinde Zeit und höre mir einen Podcast mit dem Titel „Erforsche deinen Geist“ an, in dem ein buddhistischer Gelehrter über seine Meditationserfahrungen berichtet. Er beschreibt einen kurzen Moment der Offenbarung, in dem er fühlte, sowohl eine beliebige Person im Raum als auch er selbst zu sein. „Glaubst du, dass er beides zugleich war, weil er ein Mann war?“, fragt mich die junge Frau. „Ich weiß es nicht.“ „Kann eine Person bei einem Autounfall eine andere Person sein?“

Wenn die Stadt von Menschen bewohnt wird, die nicht sie selbst sind, wer hebt dann die Gruben aus, in denen die Hochhäuser errichtet werden? Sie legt nach „Hochhäuser errichtet werden“ eine Pause ein, steht auf und geht ins Badezimmer. Sie beobachtet sich im Spiegel und bemerkt feine Linien um ihre Lippen: Falten haben sich gebildet. Sie schreibt:„Die Zeit, die beim Schreiben von Worten verloren geht, ist gewonnene Zeit.“

Der Baulärm hat nachgelassen. Schwere Blöcke, die an dem Gegenausleger des Krans befestigt sind, schweben über einer Grube. Ich möchte mich bei der jungen Frau für ihren Satz bedanken, aber sie ist nicht mehr im Wohnzimmer. Ich schaue im Badezimmer nach. Sie hat eine Nachricht hinterlassen:„7. Dez., Merve, rufe mich zurück, sobald du dies liest. Alles Liebe Merve.“ Meine Nummer ist belegt. Ich lege auf.

Nun, da sie den Satz geschrieben hat, schafft sie es nicht, ihn abzuschicken. Draußen war die Stadt. „Außerhalb des Satzes war eine Stadt“ war das Letzte, das sie niedergeschrieben hat.

Mirene Arsanios ist Autorin, Kuratorin, Mitbegründerin des Projektraums 98weeks und Redakteurin des online Magazins Makhzin in Beirut.

* aus: Lisa Robertson, Cinema of The Present