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Ausstellungen

26.09.                     31.10.2010

Legal Disagreements/
Disaccordi Legali

Ein Projekt von Matteo Cavalleri und Luisa Lorenza Corna für Millepiani -

mit
Piero Frassinelli / Superstudio, Tellervo Kalleinen & Oliver Kochta-Kalleinen, Bernard Khoury und Yasmine Almachnouk, Frauke Gerstenberg und Jan Liesegang / Raumlabor, Eva Sauer und Robert Pettena, Cartografia resistente, Brave New Alps, Lungomare / Osservatorio Urbano, Jan Van Eyck Academie, Design Department (Jack Henry Fisher und Luisa Lorenza Corna)

Ausstellungsansicht

Das Zentrum von Florenz scheint in ein Netz von Normen gespannt, die das Verhalten der Bewohner und Besucher definieren. Diese Regeln bieten sich für zwei Lesarten an: auf der einen Seite sind es Maßnahmen, um die kostbare Historizität der Innenstadt zu bewahren, auf der anderen Seite Mittel, um Kontrolle über die Stadt auszuüben, indem Furcht vor einem Ende der Konservierung geschürt wird.

Präzise Verordnungen (keine Gesetze, denn es fehlt der konkrete ethisch-politische Hintergrund) erhalten, schränken ein und verhindern so eine natürliche und politisch-kulturelle Verwandlung des Raums. Die Begegnung mit der fühlbaren Stadt widerspricht nicht dem Bild, das diese von sich weitergibt und verbreitet. Innerhalb dieser Logik bestätigt die Realität nicht nur, sondern passt sich auch ihrer Repräsentation an.

Das historische Zentrum ist der Raum, in dem Florenz das Bild seiner selbst vertieft und verfälscht und gleichzeitig der Ort, an dem die Regeln und Verordnungen gewissenhafter umgesetzt werden als in anderen Stadtteilen. So entsteht eine Diskontinuität der Verwaltung von benachbarten Bereichen, von Zentrum und Nicht-Zentrum, von historisch und nicht-historisch, ein Ort der Stauung und Einengung: Auf der einen Seite werden Besucher angelockt, auf der andern werden reelle Möglichkeiten der Interaktion mit dem Gebiet, in dem sie sich bewegen, eingeschränkt. Die Grenzen verlaufen nicht an den Rändern, sondern innerhalb der Stadtgrenze: Erst wenn man die Einladung einzutreten angenommen hat, werden die Grenzen zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen spürbar.

Zur Verteidigung einer scheinbaren Kultur der öffentlichen Ordnung und der Bekämpfung von Verwahrlosung gibt es im Zentrum jedes Jahr neue Verbote: im Freien zu schlafen, mehr Alkohol als für den persönlichen Gebrauch mit sich zu führen, zu betteln und nun auch ein Verbot der "falschen Pantomimen ... Personen mit Tunika, weißer Kopfbedeckung und weiß geschminktem Gesicht". Verordnungen sind Negativ-Pflichten, die gegen Dinge/Verhaltensweisen/ Situationen ausgesprochen werden, sie sind Formen, die den Raum des Möglichen disziplinieren. Sie sind Elemente einer Gouvernementalität, das heißt des Zusammenspiels von Institutionen, Prozeduren, Berechnungen und Taktiken, deren bevorzugte Zielgruppe die Bevölkerung ist und deren wesentliches technisches Instrument in Sicherheitsmaßnahmen besteht.

Gleichzeitig geschieht es zuweilen, dass diejenigen, die in diesem Netz aus Verhinderungen leben, die Verbote verinnerlichen und sich organisch in das Kontrollsystem einfügen: Der Imperativ der Überwachung und Erhaltung wird dann nicht mehr nur akzeptiert, sondern auch ausgeübt und unterstützt. So kam es, dass vor kurzem eine Installation des Künstlers Renzo Salvadori, die Teil des Projekts Alla maniera d´oggi. Base a Firenze war und einen Dialog zwischen einigen wichtigen Orten des Polo Museale Fiorentino und der zeitgenössischen toskanischen Kunst herstellen wollte, bei einem Teil der Bürgerschaft eine Polemik hervorrief, die über die der Institutionen hinausging. Das ist ein Symptom der feinen, durchdringenden Verbreitung der governamentalità, der Macht, die sich ganz in der Exekutive ausdrückt, der Abwesenheit eines Projekts, der Politik, die sich in eine Verwaltung von Teilen verwandelt.

Welche Gesten der Umwälzung der symbolischen Ordnung sind in solch einem kontrollierten Raum möglich?
Welch einzelner Ausdruck von Freiheit kann sich innerhalb einer so umfassenden Sterilisierung entfalten?
Welche abweichenden Darstellungsformen können sich in dem verbleibenden Raum, den diese Kontrollpolitik notwendigerweise produziert, einnisten?
Wie findet und nutzt man die Gesetzeslücken?
Wie weicht man die Norm auf und umgeht sie, ohne gegen sie zu verstoßen, wie kann man ihr Paradox und ihre tiefe Substanzlosigkeit offensichtlich machen?

Programm

15.–25.09.2010
legislative (printed) layers
Luisa Lorenza Corna, Bianca Baldacci, 50 Poster in der Stadt

22.09.2010, 11 Uhr
Performance, Brave New Alps, Piazza del Mercato, Florenz

25.09.2010
Ausstellungseröffnung - Villa Romana
19 Uhr
Lecture Il salvataggio dei centri storici, Piero Frassinelli – Superstudio, Debora Minà
20 Uhr
Drinks
21 Uhr
Screening Coro delle lamentele (8’, 2008)
Tellervo Kalleinen & Oliver Kochta-Kalleinen mit dem Verein START, Florenz
21 Uhr
Screening Napoli Piazza Municipio (55’, 2008)
Bruno Oliviero in Kollaboration mit Lab80 film

28.–30.09.2010 (genaues Datum TBC)
derive im Stadtraum, organisiert von Cartografia Resistente

22.–23.10.210
Finissage – Villa Romana

22.10.2010
18 Uhr
Performance, Eva Sauer & Robert Pettena Contrasto
20 Uhr
Screening Trail of the Spider (54’, 2008), Anja Kirschner & David Panos

23.10.2010
17 Uhr
Runder Tisch über Gouvernementalität : Konservierung: Sandro Chignola (Philosoph, Università di Padova),
Laura Colini (Stadtplanerin, Bauhaus-Universität Weimar; Florenz; Berlin), Paolo Cottino (Stadtplaner, Politecnico di Milano)
20 Uhr
Drinks
21 Uhr
Live Media Set: OginoKnauss (Florenz, Berlin)

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