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Ausstellungen

06.09.                     26.09.2014

Federico Cavallini

Ästhetik des Hungers


Ausstellungsansichten

Federico Cavallini hat im Laufe der letzten Jahre einen großen Corpus an plastischen Arbeiten geschaffen. Auf den ersten Blick wirkt diese Sammlung, eingelagert in banalen Plastikbehältern, wie ein archäologischer Schatz: Knochen über Knochen von nicht identifizierbaren Wesen, fragile Relikte. Diese Objekte – eingelagert und im Kunstkontext präsentiert – befinden sich jedoch in einem langsamen, aber unausweichlichen Zustand der Auflösung. Es sind hunderte, tausende von Skulpturen aus Mehl, Wasser und Hefe, den Grundstoffen menschlicher Ernährung. Die einzigen Subjekte, die in diesem Prozess vorübergehend überleben, sind die Lebensmittelmotten, indem sie die Selbstzerstörung der Form vorantreiben.

Der Werkkomplex Anatomia Companatica (Anatomie des Brotbelags) vereint in sich Prozesse der Information und Desinformation, ästhetische Schönheit sowie deren Vergänglichkeit, kulturelle Bildung und animalische Aktivitäten, Reduktion und Verschwendung von Materie. Es ist eine paradoxe Arbeit, denn sie kann sich nur vorübergehend im System der Kunst aufhalten. 1965 verfasste der berühmte brasilianische Regisseur Glauber Rocha ein Manifest des Cinéma Nôvo: Uma Estética da Fome und verteidigte darin eine Ästhetik des Hungers und der Gewalt als Antwort auf eine Ästhetik der Minderheitenwelt des Konsums und des Wohlstands, einer Welt ohne Hunger. Diesem Manifest hat Federico Cavallini den Titel für seine ausgestellten Arbeiten entlehnt.

Die zweite Gruppe von Arbeiten in der Ausstellung sind großformatige Malereien auf Papier, die Bettelschilder reproduzieren. Ausgeführt sind sie mithilfe einer dünnflüssigen Mischung aus Mehl und Wasser, auf der nach und nach Anagramme der Wörter HO FAME (Ich habe Hunger) gestempelt wurden. Auch hier bedient sich Federico Cavallini einer notgedrungenen Ästhetik, wie sie Bettler in den Städten zur Kommunikation ihrer Basisbedürfnisse zum Ausdruck bringen. Beide Werkgruppen, Anatomia Companatica und Ho Fame üben Kritik an der Konsumästhetik, während sie sich zugleich auf der ästhetischen Ebene selbst zerstören. Dem Ausstellungsbesucher bleibt keine andere Wahl, als das zukünftige Ende der künstlerischen Form zu bezeugen.

Federico Cavallini ist 1974 in Livorno geboren. Nach einem Studium der Technik und Industriewissenschaft absolvierte er ein Studium der mittelalterlichen Kunstgeschichte an der Universität von Pisa.

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