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Interviews

Polnische Boxer im Florentiner Mosaik

Anna Molska (Gastkünstlerin in der Villa Romana 2010) im Gespräch mit Angelika Stepken.



War dies dein erster Aufenthalt in Florenz / Italien?

Ich war schon einmal als Kind hier, ich erinnere mich an die Bronzetüren von Ghiberti. Alles andere hat sich in der Erinnerung dann vermischt mit anderen Städten.

Wie hast Du jetzt Deine Zeit in Florenz verbracht?

Zeit ist etwas Besonderes hier, weil alles so viel langsamer geht als in Polen. Man zelebriert das Leben, etwa Kaffee zu trinken und beim Kaffee trinken nichts anderes zu tun. Wir sind viel herumgelaufen, nur ein paar Mal in ein Museum gegangen. Ich bin kein großer Freund von Museen. Das beste Museum ist das Specola Naturkundemuseum in Florenz. Ich habe mir die kleinen Läden und Werkstätten in der Stadt angesehen, in denen noch altmodisch mit den Händen gearbeitet wird. Da wir ein Auto hatten, sind wir auch oft in der Toskana herumgefahren. Die Landschaft dort ist wirklich interessant. Ich habe mich also nicht so viel um die Kunst gekümmert, mehr um das Leben.

Du interessierst Dich in Deinen Videofilmen auch für die Gegenwart vergangener Produktionsverhältnisse, aber eben in Polen.

Ja, ich beobachte sie, das ist wichtig, weil sie im Verschwinden sind.

Was hat Dich im Specola Museum so beeindruckt?

Dort sind viel, viel zu viele Tiere auf viel zu kleinem Raum, inszeniert wie man das vor 50 Jahren tat. Die Vitrinen sind solide gebaut. Es sieht aus wie ein riesiger Friedhof. Ich erinnere mich an ein großes Naturkundemuseum in New York, da bist Du nur herumgelaufen und hast hier und da klick gemacht.

Du hast sowohl in der Specola wie im Garten der Villa kleine Video-Sequenzen gedreht...

... auch auf dem Piazzale Michelangelo, dort habe ich den David vor der Landschaft gefilmt. Und dann habe ich auch ein Mosaik in Florenz gemacht.

Du hast einen Kurs belegt?

Es war nicht wirklich ein Kurs. Du zahlst die Stunden, die Du da sitzt, ganz ohne irgendeine Philosophie. Aber das Seltsame ist: alles was du dort anpackst, sieht schließlich aus wie im kommunistischen Polen, wie in den 50er Jahren.

Wegen des Materials ?

Nein, wegen meiner Gedanken dazu.

Dann ist Dein Florentiner Souvenir nun also ein altmodisches, pseudo-kommunistisches Mosaik?

Ein Mosaik zu fertigen, ist ein bisschen magisch, wie in Trance. Du sitzt da, denkst an eine Menge Sachen, machst einfach. Nachher fühlst Du etwas, weil Du etwas gemacht und deine Zeit nicht verloren hast. Ich wollte hier etwas für mich lernen, Florenz ist ein guter Ort ,um etwas Spezielles zu lernen.

Was sieht man auf deinem Mosaik?

Es ist nicht sehr groß, nur etwa 65 x 40 cm . Es zeigt ein Foto, das ich auf Leinwand gedruckt habe, und dahinter eine Landschaft. Auf dem Foto sieht man ein polnisches Boxer-Team vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich habe das Bild irgendwo einmal gefunden und eingescannt.

Ist es wieder die Körper-Performance vor der Kamera, die Dich interessiert?

Diese Boxer sehen sehr gut aus, sehr polnisch, nicht wirklich schön, Sportler in kurzen Hosen und kurzärmeligen Hemden.

Willst Du weiter Mosaike machen?

Ich glaube, ich habe in meinem wirklichen Leben keine Zeit für Mosaike.

Warum bist Du so "busy"?

Nein, das stimmt eigentlich gar nicht. Alle jungen Künstler erzählen immer, sie hätten so viel zu tun. Aber es hängt doch alles von Dir selber ab, du musst nicht zu jeder Vernissage gehen. Ich weiß eigentlich gar nicht, wann ich arbeite und wann ich nicht arbeite.

Wie war es für Dich, in der Villa Romana mit anderen jungen Künstlern unter einem Dach zu leben?

Sehr gut. Ich hatte einmal ein Stipendium in New York und war dort total alleine. Hier gibt es ein soziales Leben und das ist wichtig. Wir haben eine Menge Leute kennen gelernt bei den Ausstellungseröffnungen, Konzerten usw. Es war eine sehr gute Erfahrung. Ich glaube allerdings, dass ich hier noch mehr Deutsche als Italiener kennen gelernt habe.

Wenn Du auf diese drei Monate zurückblickst: war das eine Zeit für Dich um Abstand zu gewinnen, Ideen für die Zukunft zu entwickeln oder einfach nur zum Genießen?

Drei Monate sind nicht lang, das ist eigenartig. Als ich zwischendurch eine Woche in Warschau war, konnte ich mehr wahrnehmen als zuvor. Ich sah seltsame Häuser, Dinge, die immer dort gewesen waren. Aber nun sah ich sie im Kontrast, klarer. Natürlich war es für mich auch eine Zeit zum Denken. Man muss hier nicht mit der Familie zu Abend essen oder mit Freunden Geburtstag feiern. Es gab viele kleine Dinge, die für mich wichtig waren in Florenz. Ich habe zum Beispiel entdeckt, wie bürgerlich ich bin, wie viel mir an kleinen, dummen Gegenständen liegt. Das ist mir ein bisschen unheimlich. Ich dachte Künstler hassen solchen Nippes. Aber ich habe für mich gemerkt, ich kann Künstlerin sein und solche kleinen Dinge mögen.

Du hast hier zwar ein paar Aufnahmen gemacht, aber eigentlich sind all Deine Filme doch von der Realität in Polen genährt.

Ja, vielleicht, weil ich sie am besten kenne und fühle und verstehe. Aber es ist eine gute Erfahrung, in einer so schönen Stadt wie Florenz zu sein. Florenz ist extrem schön, aber offenbar wissen viele nichts damit anzufangen. Ich hab’s versucht. Aber es ist nicht einfach damit etwas anzufangen, mit der Schönheit und meinen Gedanken dazu.

Arbeitest Du schon an einem neuen, großen Projekt?

Ja, ich mache jetzt den nächsten Schritt nach dem Master, also das Doktorat an der Kunstakademie. Dafür muss ich eine große Arbeit realisieren und mit meinem alten Professor darüber sprechen.

Hast Du noch eine starke Bindung an Grzegorz Kowalski und die Akademie in Warschau?

Ich gehe nicht mehr dorthin, weiß auch nicht, was da los ist. Aber ich möchte sehen, wie ich mit größerem Abstand damit umgehen kann. Ich suche gerne Veränderungen, die man nicht unbedingt mag.

Du hast sehr jung internationale Aufmerksamkeit als Künstlerin gefunden, noch während deines Studiums. Wie ist deine Beziehung zu Kowalski heute?

Mit Kowalski habe ich eine wirkliche Verbindung, ich habe großen Respekt vor ihm, er ist ein sehr intelligenter und sehr interessanter Mensch. Ich glaube, er lernt mehr von den jungen Leuten als diese von ihm. Deshalb beobachte ich ihn gerne. Ich glaube, das ist für Artur Zmijewski, der auch bei ihm studiert hat, ähnlich.

Wirst Du wieder nach Italien reisen?

Ja, bestimmt. Als ich zwei Jahre alt war, machten meine Eltern den ersten Italien-Urlaub in Rom. Ich sah ständig nackte Skulpturen, und aus der Kinderperspektive sah ich vor allem nackte Beine und Genitalien. Ich war ziemlich irritiert und verstand nicht, warum meine Eltern mir so etwas zeigen wollten. Jetzt stimmen die Proportionen für mich.

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