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Interviews

Als ob hier alles still steht

Anna Heidenhain (Villa Romana-Presiträgerin 2010) im Gespräch mit Angelika Stepken. 


Du hast schon nach wenigen Wochen in der Villa Romana die Inselmetapher ins Spiel gebracht, als ich Dich nach einem Statement für unseren Image-Flyer fragte. Das Thema hat Dich dann weiterbeschäftigt im Apogee-Projekt, in dem ihr das Thema Insel / Isolation aus verschiedenen Perspektiven angegangen seid. Warum führte Dein Aufenthalt hier sehr bald zu diesem Thema?

Die Villa ist eine konstruierte Situation, es ist eine deutsche Einrichtung in Italien für Künstler, die alle mit einem Stipendium versorgt sind. Sie haben hier keine Alltagsprobleme, müssen keine Stromrechnungen bezahlen. Die Villa Romana ist in vieler Hinsicht ein geschützter Raum, im positivsten, idealen Sinne – ein Freiraum.

Aber wenn man von einer Insel spricht, denkt man ja auch an das Wasser ringsum ...

Ja. Aber als wir das Buch zu „Apogee“ vorantrieben, haben wir gleich in viele verschiedene Richtungen gedacht: die Insel als Rückzugsort, als Sehnsuchtsort, in einem Kapitel geht es auch um Schlaf und Wellness. Ein komplett abgeschnittener Ort wäre ja eine Horrorvorstellung. In der Tat spielen viele Horrorfilme auf Inseln.

Ihr habt also durchexerziert, was Insel, Isolation für einen Künstler bedeuten kann?

Ja, wir sind immer noch dabei. Das Buch hat sechs Kapitel. Am Anfang geht es darum, dass jeder mit seinem eigenen Antrieb alleine arbeitet, alleine beobachtet und Entscheidungen fällt; dann geht es um Insel-Gesellschaften, um Erholung, Ökologie und Vernetzung. Ob wir auch den Science Fiction-Aspekt mit einbeziehen werden, hängt noch von entsprechenden Beiträgen ab.

Die Insel als Ausnahmezustand wurde also zum Auslöser, um über künstlerisches Selbstverständnis, die Figur des Künstlers nachzudenken? Was braucht er?

Ja, das Projekt ist auch ein Gegenpol zur Idee der totalen Vernetzung und Transparenz. Unser Ausgangspunkt ist: jeder, der etwas schaffen will, muss erst einmal ein Stück zurücktreten.

Sag’ noch einmal, wer „uns“, bzw. „wir“ ist ...

Das ist „nüans“, Elmar Hermann, Maki Umehara und ich, ein interdisziplinär angelegtes Künstlerprojekt, das mit einem Ausstellungsraum 2006 in Düsseldorf angefangen hat. Danach haben wir in vielen unterschiedlichen Städte Projekte realisiert. Mittlerweile hat sich unsere Situation verändert: Maki war in diesem Jahr mit einem Stipendium in Mumbai, ich hier, Elmar ist demnächst in New York – wir wussten gerade alle, was uns gut tut und haben darüber korrespondiert. Unser Ehrgeiz war es, ein 300 Seiten starkes Buch zu publizieren, nicht als Magazin, sondern als ein „rundes / abgeschlossenes Ding“. Es wird zur nächsten Ausstellung in Istanbul in Druck gehen.

Ihr habt für „Apogee“ auch mit italienischen Künstlern kooperiert.

Ja, das ist immer der Gedanke, mit lokalen Künstlern und solchen von außerhalb zusammen zu arbeiten.

Du hast in den zehn Monaten die kleine Florentiner Kunstszene ganz gut kennen gelernt und dann Jacopo Miliani, Paolo Masi, Leonora Bisagno, Riccardo Ruberti als Künstler und Paolo Antognoli als Gastkurator eingeladen. Waren das Bekanntschaften, die dir künstlerisch nahe stehen?

Es sind Künstler, die sich auch für die Projektidee interessierten, also Inselkandidaten. Paolo Masi, zum Beispiel, habe ich bei einem Besuch seines Ateliers kennengelernt und ihn dann zu dem Projekt eingeladen, weil er seit zehn Jahren die Autorengalerie „Base“ in Florenz mit betreibt. Die Kunstszene in Florenz ist ja nicht so groß und unübersichtlich. Aber ich hatte schon gedacht, dass viel mehr Leute aus diesem Umfeld dann auch zur Ausstellungseröffnung kämen. Es war ja unser Interesse, das Projekt in der lokalen Szene vorzustellen. Das verlief jedoch eher zäh.

In der Ausstellung der Villa Romana-Preisträger 2010 im Februar dieses Jahres hast Du überarbeitete Immobilienanzeigen ausgestellt, die Du aus Istanbul mitgebracht hattest. Gelöschte Bildzonen veränderten den Kontext dieser idealisierten Standard-Architekturen. Wie hat sich Deine künstlerische Arbeit hier weiterentwickelt? Du hast u.a. große dreidimensionale Skulpturen aus solchen Papierarbeiten abgeleitet.

Ich hatte hier die Möglichkeit, mich unglaublich konzentrieren zu können. Ich habe das Collagenbuch angefangen und fertig gestellt, das im Sommer im Haus am Waldsee in Berlin präsentiert wurde. Ich wusste, als ich herkam: ich habe endlos Zeit. Man kann also alle Projekte machen, die man machen möchte. Solch ein Buch-Projekt wie Apogee hätte ich in Istanbul schon aus Zeitgründen nie anpacken können.

Du hast eine ganze Enzyklopädie bearbeitet ...

Ja, eine Enzyklopädie über den Himmel, ein französisches Buch, das ich in Istanbul gefunden hatte. Ich wollte die Bilder vom Himmel und von Sternen mit allen Lebensbereichen verbinden, die Enzyklopädie also vervollständigen, indem ich Bilder über den Text legte. Deshalb musste ich das Buch komplett bearbeiten. Was die Skulpturen betrifft: große Arbeiten habe ich auch früher in Düsseldorf realisiert, aber in Istanbul hatte ich dann kein entsprechendes Atelier und eher mit externen Werkstätten kooperiert. Hier in Florenz konnte ich wieder alles selber realisieren.

Anfang des Jahres hattest Du Eure „nüans“- Projekte im Theater von Scandicci vorgestellt, Anna Möller ihre Interventionen und Kooperationen im Hamburger Pudel-Club. Daraus hat sich hier vor Ort nichts weiterentwickelt oder?

 

Das ist wahr. Daraus hat sich nichts Weiteres ergeben. Ich hatte ja gerade zwei Jahre lang in Istanbul die Erfahrung gemacht, in einer Stadt ganz neu anzufangen und in diese Projekte zu investieren. Hier wollte ich diese zehn Monate anders nutzen. Sonst wäre ich gegangen, gerade wenn man etwas aufgebaut hat. Anna Möller sagte ja von Anfang an, sie sei aus diesem Alter raus...

Zehn Monate sind viel Zeit, aber für solche Initiativen auch zu wenig ... Wie lang wurde Dir die Zeit in Florenz?

Besonders am Anfang erschienen die Tage und Wochen lang. Aber es gibt hier ja unglaublich viel zu sehen, Kunsthistorisches ...

Wir werden oft gefragt, ob sich die Villa Romana-Preisträger noch für die Florentiner Schätze interessieren.

Man wäre ja ignorant, wenn man das nicht tun würde. Und mit unserer Museumskarte konnen wir in die Sammlungen ja hereinspazieren wie in ein zweites Wohnzimmer. Das ist wunderschön. Aber ich hatte hier kein spezielles kunsthistorisches Forschungsprojekt. Ob und wie sich diese Begegnungen einmal in der Arbeit niederschlagen, das merkt man erst später. Allerdings ist man in Florenz schon einem wahnsinnigen Anspruch ausgesetzt, dass diese Werke eben noch 500 Jahre nach ihrer Produktion derart begeistern können. Vergänglichkeit, Mobilität, Provisorien – das alles ist interessant, aber wird schon auch infrage gestellt.

Du gehst nach 10 Monaten Florenz nun zurück nach Istanbul. Ist Dir der Status in der Fremde zu leben inzwischen zur Gewohnheit geworden?

Ich muss sagen, dass ich hier oft das Gefühl hatte, in Deutschland zu leben. Martin und Christoph kannte ich schon aus Düsseldorf, dann kam immer so viel Besuch aus Deutschland. Ja, in gewissem Grad kann man sich daran gewöhnen. Aber eigentlich glaube ich, dass die Idee „Ausland“ unzeitgemäß ist. Nur sobald es politisch wird, merkt man, dass man Ausländer ist, dass man kaum einen politischen Handlungsraum hat.

Hattest Du schon ein bestimmtes Bild von Florenz, als Du herkamst?

Ich war vor zehn Jahren einmal in Florenz für einen Sprachkurs. Und zehn Jahre später sieht sich die Stadt so unglaublich ähnlich, als ob hier alles still steht. Sie steht still in diesem schönen Italienbild, wie es der Tourismus gerne hätte. Das reproduziert und bestätigt sich immer wieder. Ebenso wie die Klischees von Berlusconi: es ist absurd, wie er regiert und Schlagzeilen macht – man glaubt es kaum. Man bleibt fassungslos. Deshalb herrscht vielleicht diese Lähmung.

... dass gar nicht mehr über Politik geredet wird?

Ja, es scheint klar, was falsch läuft und dann redet man nicht weiter. Aber zu den lähmenden Klischees gehört natürlich auch die Arroganz oder das Desinteresse vieler der deutschen Künstler, die fragen, ob es denn überhaupt zeitgenössische italienische Künstler gäbe. Andererseits sind die italienischen Künstler Auslands- und Berlinorientiert, wo sie auch viel leben und arbeiten. In Istanbul ist die Situation ganz anders. Das von außen kommende Interesse an den türkischen Künstlern und der türkischen Politik ist so groß, dass dem dortigen Geschehen eine unglaubliche Energie entgegen gebracht wird. So kommen auch immer mehr Künstler aus dem Ausland nach Istanbul. Für jeden, der etwas Neues machen will, ist die Vorstellung natürlich erfrischend, dass eine Stadt in 50 Jahren anders aussieht. Und davon kann man ausgehen.

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