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Interviews

Koexistenz in Zwischenräumen

Eleni Kamma (Gastkünstlerin in der Villa Romana 2010/2011) im Gespräch mit dem Kurator Paolo Emilio Antognoli Viti (Lucca).


Eleni, du bist in Zypern geboren und lebst nach deinem Studium in Athen vor allem in Nordeuropa, unter anderem in Holland, Belgien und Schweden. Du warst bereits letzten Sommer als Gastkünstlerin in der Villa Romana in Florenz zu Gast. Was ist der Hintergrund Deines neuen italienischen Projekts? Wie kamst Du auf die Dialoge des frühen 19. Jahrhunderts aus dem „Cabinetto Viesseux“ über Ackerbau, um die es in deiner Florentiner Arbeit geht oder die Idee, Sänger in Oktaven (Ottava Rima) singen zu lassen?

Meine Besuche letztes Jahr im Florentiner Naturhistorischen Museum La Specola und mein Interesse an den Intermezzi- Aufführungen der Renaissance brachten mich auf die etymologische Wurzel der Worte „Spektakel“ und „Spekulation“: das Verb „spicere“. Es hat mich fasziniert, wie sich der Akt des Sehens auf zwei so unterschiedlichen Wegen entwickelt hat. Zur Zeit betrachte ich die Idee des Spektakels mittels Gesten des Faltens und Entfaltens im heutigen Florenz, besonders an Orten einer öffentlichen Aufführungspraxis: am Karussell auf der Piazza della Repubblica, am Piazzale Michelangelo, aber auch an der toskanischen Landschaft in der Umgebung. Wenn die Vorstellung vom Falten und Entfalten abhängt von der Struktur und den Erwartungen, die eine Stadt weckt oder verdrängt, welche Bilder können dann durch die Koexistenz von Klang und Raum erzeugt werden, dem Raum zwischen gelebter Erfahrung und einer gleichzeitigen Reflektion derselben? Während ich der Frage nachgehe, wie Spekulation, Spektakel und Arbeit sich in der heutigen Toskana überschneiden, arbeite ich mit Interviews, Büchern, Abschriften und Aufnahmen von lokalen literarischen und musikalisch-ethnographischen Traditionen. Das gesammelte und produzierte Material überarbeite ich dann und transformiere es in Zeichnungen, Objekte und kurze Filmcollagen, deren Narrativ die inhärenten Eigenschaften der Falte widerspiegelt.

Wie entstehen Deine Arbeiten? Gibt es eine Beziehung zwischen den Themen Gartenbau, Architektur und den Zeichnungen oder dem Design?

Meine Zeichnungen sind Collagen, die gefundenes Bildmaterial recyclen. Die Herstellung dieser Zeichnungen steht insofern mit dem Thema Gartenbau in Verbindung, als dass beide Tätigkeiten große Aufmerksamkeit auf das Detail lenken, zeitaufwändig und repetitiv sind. Die Struktur meiner Bildräume folgt meinen zerbrochenen „griechischen“ Wurzeln. Sie sind das Ergebnis eines andauernden, obsessiven Handwerks, eines Kompositionsprozesses der Bearbeitung, des Wiederholens und Einfügens. Meine Kopiervorlagen sind Druckwerke und konzentrieren sich auf die unscharfe Grenze zwischen Natur und Kultur. Ich sammle Bücher, Benutzerhandbücher, Texte, Illustrationen, Fotokopien und Anleitungen, die ich als Informationsarchiv nutze. Die Art/en, in der die unterschiedlichen Fragmente dieser Sammlung zueinander in Beziehung stehen, ist der Auslöser für eine neue Arbeit. Dabei verwende ich oft Methoden des Verschiebens, Wiederholens und der Maßstabsveränderung. Meine Strukturen umkreisen den Raum zwischen Wiederholung und Zusammengehörigkeitsgefühl. Manchmal arbeite ich mit Filzstift auf Transparentpapier; manchmal benutze ich eine schmutzige Wand als Hintergrund für eine Zeichnung. Die Linien der Zeichnung werden dann in die Wand gekratzt und legen die darunterliegenden Schichten frei. Schichten und Linien erzählen von Gegensätzen und Paradoxa innerhalb architektonischer Systeme, wie z.B. der Transparenz der Architektur und der Unmöglichkeit ihrer Realisation, da sie sich entweder zur Reflexivität oder zur Obskurität wendet. Sie erzählen von architektonischen Fehlinterpretationen des Modernismus in Athen und befragen die Mittlerfunktion der Architektur zwischen Kultur und Natur.

Dein Buch Enlever et Entretenir forscht nach der Verbindung von Worten, Bildern, Definitionen und Illustrationen und bezieht Bilder und Wörterbücher, Synonyme und Etymologien ein. Was bedeutet das? Zeigt es vielleicht, dass Worte ein Objekt nicht genau identifizieren können, sondern nur das Bild und umgekehrt?

Enlever et Entretenir entwickelt die Idee eines Zwischenraums durch das Format eines Buches. Es folgt dem Format eines Fotobuchs der 1950er Jahre, das den Titel Entre Escaut et Meuse trägt und in dem Bild- und Texterklärungen zu Pflanzen, Tieren und menschlichen Aktivitäten nebeneinander stehen. In Enlever et Entretenir gibt es diese Koexistenz zwischen Lücken, Leerstellen und verschiedenen kulturellen Beschreibungen und Repräsentationen von Natur, sowohl historischen als auch neu erfundenen. Das Buch untersucht, wie Worte und Bilder koexistieren und Bedeutung schaffen können indem sie diese unterbrechen; wie sie Sinn machen, obwohl sie scheinbar Bedeutung kollabieren lassen. Es gibt keinerlei Andeutung auf eine hierarchische Ordnung zwischen Bildern und Wörtern.

Nach dem Buch hast du eine Ausstellung mit dem gleichen Titel gemacht. Wie würdest du die Beziehung zwischen der Ausstellung und dem Buch beschreiben?

Das Format dieser Ausstellungsreihe basiert auf dem Material im Buch, das als eine Art Generator fungiert. Die Arbeit, die ich in jeder einzelnen Ausstellung zeige, besteht nicht nur aus Fragmenten und Neuinterpretationen, sondern eher aus neuen Narrationen, die der spezifische Kontext evoziert.

Gärten, Teppiche, Stoffe und Fotokopien wirken in Deinem Studio wie in einem wachsenden Prozess, wie ein sich stets wandelnder Garten. Es scheint, als wolltest du eine dritte Art von Architektur schaffen in den Zwischenräumen und Lehrstellen des konventionellen Wissens und unterschiedlicher Disziplinen. Yorgos Tzirtzilakis hat bei deinen Kompositionen von Kollaps gesprochen. Möchtest Du eine Art Kollaps provozieren oder den Blick des Betrachters in eine andere Richtung lenken?

Durch meine Arbeit erforsche ich die inhärenten Lücken und Widersprüche innerhalb existierender kultureller Erzählweisen und Klassifikationsstrategien. Indem ich die kanonische Bedeutungsproduktion durch das gleichzeitige Erscheinen von Wort und Bild durchbreche, untersuche ich das Verhältnis von Klischee, Banalität und Stereotypen bei der Bildung von Geschichte und Herstellung von Identität. In diesem Zusammenhang kann Desorientierung ein sehr wirkungsvolles Mittel sein. In letzter Zeit beschäftige ich mich mit der Möglichkeit der Koexistenz zweier Gedankensysteme, die neue Bedeutung/en hervorbringen, ohne dass ein System dem anderen untergeordnet wäre.

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