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Interviews

Realitäten, Referenzen, Perspektivwechsel

Ein Gespräch in der Villa Romana mit Nora Schultz, Rebecca Ann Tess (beide Villa Romana-Preisträgerinnen 2011), Mirene Arsanios, Setareh Shahbazi (Gastkuratorin und Gastkünstlerin aus Beirut), Giacomo Bazzani (Kurator in Florenz) und Angelika Stepken (Leiterin der Villa Romana)

Italien ist für Nordeuropäer immer noch von Projektionen verstellt: Es ist das Land, in dem die Zitronen blühen, es war die erste Adresse für den deutschen Wirtschaftswunder-Massentourismus. Wie nähert man sich heute den Realitäten einer italienischen Stadt wie Florenz, wenn man dort für mehrere Monate ‚residiert‘? Wie erlebt man Gegenwart in einer Stadt, die von der Geschichte zehrt? Ist das Italien der Deutschen auch das Italien der Libaneserinnen, Ägypter oder Palästinenser? Und wie wird eine Einrichtung wie die Villa Romana heute von den Künstlern, Kuratoren und dem Publikum in Florenz wahrgenommen? Das folgende Gespräch, im April 2011 im Garten der Villa geführt, geht auf diese Fragen aus verschiedenen Perspektiven ein.


GB: Fangen wir doch mit Euren Eindrücken als ‚artists in residence‘ in Florenz an …

RAT: Ich hatte nie im Sinn, in Italien zu leben. Es ist ein Land, über das ich nicht viel weiß, auch wenn es so nah bei Deutschland ist. Ich war in den Ferien in Venedig und Neapel und bin an der Politik Italiens interessiert, die ja im europäischen Kontext sehr speziell ist. Jetzt lebe ich seit gut drei Monaten hier und bin froh, so viel Zeit zu haben. Ich laufe nicht jeden Tag in die Stadt, verbringe viel Zeit im Studio. Aber man unterhält sich und bekommt die Infos, die man braucht. Ich weiß noch nicht viel über die Kunstszene hier, mir geht erst einmal darum, einen allgemeinen Eindruck davon zu bekommen, welchen Stellenwert zeitgenössische Kunst in Italien hat.

NS: Die Residenz gibt uns Zeit, eine Möglichkeit langfristig zu denken, was ich wirklich schätze. Es ist ruhig, man ist in der Stadt, aber am Rande, man kann sich gut konzentrieren. Besonders ist, dass und wie man hier mit der Geschichte, mit verschiedenen zeitlichen Lagen konfrontiert wird. Das beschäftigt mich.

MA: Setareh und ich waren ja nur sechs Wochen hier. Für uns war es ein Kontrast zum urbanen Chaos in Beirut, wo du nie richtig Ruhe findest. Für mich war der Raum der Villa wichtig. Ich bin natürlich auch in die Stadt gegangen. Aber Florenz ist keine Stadt, in die man einfach eindringen kann, zu der man schnell eine Verbindung findet.

SS: Wenn du aus Beirut kommst, aus einer Region, die täglich mit sehr großen Themen zu tun hat, dann erfährst du dich hier plötzlich losgelöst, ‚unplugged‘ von vielen alltäglichen Dingen. Das ermöglicht, zu dir selbst zurückzukommen. In Beirut fällt es manchmal schwer an ein Bild, an eine Zeichnung zu denken, weil ringsum all diese sehr wichtigen Dinge, Politik, Katastrophen etc. geschehen. Manchmal kommt es einem hier dann wie eine Täuschung vor: Du machst Ausflüge, alles sieht schön aus, die Menschen sind glücklich, alles sieht so gesund aus. Das ist ein total anderes Set Up, um über Kunst nachzudenken: Woher sie kommt, warum du dich damit beschäftigst. Du denkst plötzlich, es geht nur noch um dich und den Raum ringsum. Andererseits hast du hier die ganze Kunstgeschichte. Das schätze ich sehr.

AS: Giacomo, Du lebst in Florenz, hast hier studiert. Ist es für Dich auch schwer, Dich zu Florenz zu verhalten, seiner Oberfläche zwischen Disney Land und Museum?

GB: Natürlich mag ich an Florenz nicht den Disney Park, aber es ist meine Stadt. Die Florentiner glauben zum Teil noch, in der Renaissance zu leben. Das bringt auch Geld und Jobs. Es ist eine Art theatralischer Repräsentation des Lebens. In der Peripherie ist Florenz anders, dort gibt es Alltag, Widerstände, Bewegung. Für jemanden, der mit zeitgenössischer Kunst arbeitet, ist Florenz nicht einfach. Die Stadt ist an einer Leonardo-Ausstellung interessiert, weil dafür Millionen Touristen kommen. Eine Öffentlichkeit für zeitgenössische Kunst zu finden ist schwieriger.

AS: Aber es gibt doch Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst in Florenz, das EX3, BASE, Strozzina, und in Prato das Museum. Es gibt Künstler verschiedener Generationen, junge Kuratoren. Es ist keine Wüste hier. Auch wenn es für Auswärtige schwer ist, eine Übersicht, überhaupt Informationen darüber zu finden. Florenz bietet jenseits der touristischen Standardroute kaum lesbare Oberflächen an. Vieles, was hier passiert, hat punktuellen Charakter, wird nicht langfristig angekündigt oder verfolgt.

MA: Wie überleben diese Initiativen dann? Verlassen sie sich auf ihre communities, die private Netzwerke unterhalten?

GB: Es gibt zwischen Florenz, Prato und Pistoia – also in einem Umfeld von 15 Autominuten – eine Million Menschen. Wenn du ein gutes Programm machst, ist es nicht schwer, ein Publikum zu finden. Jeder in Florenz ist doch an Kunst interessiert, auch wenn nicht unbedingt an zeitgenössischer.

SS: Was machen die Studenten hier? Oft ist es doch so, dass man mit wenig Geld anfängt, sich selbst organisiert, Energie darein steckt, sich von alten Sachen abzuheben. Ich weiß nichts über die Akademie hier. Gibt es solche Initiativen?

GB: Ja, es gibt viele Initiativen. Das Problem ist, dass an der Akademie keine Künstler unterrichten. Es sind Leute, die von zeitgenössischer Kunst keine Ahnung haben, die sich mit traditioneller Kunst und der Geschichte der Stadt beschäftigen.

NS: Für mich ist es interessant, den generellen Konflikt zu beobachten, den man nicht nur hier vorfindet: Was bedeutet es, etwas in einen bestimmten Kontext zu stellen und dann wird es Kunst genannt? Wie nehmen Leute das auf? Diese Diskrepanz zwischen dem alltäglichem Leben und künstlerischer Produktion gibt es immer. Die Frage ist, wie man mit diesem Konflikt positiv umgeht.

SS: Wenn du aus Berlin oder Beirut hierher kommst, verlierst du erstmal dein Referenzsystem, deine Arbeit ist plötzlich nur noch deine Arbeit, ohne ein bestimmtes Netzwerk, ohne bestimmte Codes und Referenzen. Du siehst plötzlich nur noch Linie, Material.

NS: Dann geht es um etwas, das man eigentlich nicht will.

AS: Du hast doch gerade vor ein paar Tagen erzählt, wie sehr umgekehrt aber auch professionelle Rahmenbedingungen Einfluss nehmen auf Deine Produktion.

NS: Manchmal denke ich, dass meine Arbeit - besonders im italienischen Kontext – als eine sehr formalistische Sache betrachtet wird: als ob sie eingefroren und in die Vergangenheit zurückfallen würde, als ob ich einen Sprung machte zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und die Vergangenheit immer größer sei. So verstehe ich meine Arbeit aber nicht. Es geht darum, wo die Produktion aufhört. Wenn ich etwas setze, heißt das nicht unbedingt, dass es sich nicht mehr verändert.

MA: Vielleicht geht es eher darum, dass das ‚Lesen‘ Deiner Arbeit ein eingefrorenes ist?

NS: Ein Werk wird in der Vergangenheit eingefroren wie eine rostige Oberfläche … Vielleicht ist das ein Bedürfnis, die Leute suchen nach Arte Povera im Heute. Und dann siehst du natürlich alles in Referenz zur Vergangenheit.

MA: Das heißt: Die Diskurse sind rostig und entsprechend werden Werke so gesehen.

NS: Ich möchte mich nicht beschweren weder über das Land noch die Leute. Manchmal fühle ich mich auch sehr gut verstanden.

MA: Ich habe die letzten sechs Jahre nicht in Italien gelebt und bin selbst nicht Künstlerin, d.h ich war damit nicht so konfrontiert. Als ich im MACRO in Rom arbeitete, war das meine erste Begegnung mit zeitgenössischer Kunst. Was ich aus dieser Zeit erinnere, ist vor allem die Hierarchie in den Institutionen, eine Art von fast archaischer Machtstruktur, in der Positionen festgehalten werden.

AS: Was Nora über die Rezeption ihrer Arbeit sagt, kann ich gut nachvollziehen an einem bestimmten Typ von Ausstellung: Es sind institutionelle Ausstellungen, die genauso angelegt sind, dass das einzelne Werk keine Wirkung entwickeln kann, dass es stets von einem gewissen Ausstellungsdesign oder kuratorialen Strategien gedeckelt bleibt. Die Kunst wird so klein gehalten, findet kaum wirkliche Präsenz.

GB: Viele zeitgenössische Künstler in Florenz werden noch mit den Augen der Arte Povera – ihren Methoden und formellen Strukturen - gesehen, es war halt die stärkste Position in der jüngeren italienischen Kunstgeschichte. Mit der Stadt ist es ähnlich: Die Vergangenheit wird zu einem Gefängnis. Du schaust dir alles an, als ob es noch im Rahmen der Renaissance stecken würde. Deshalb möchte ich aber auch einmal sagen, wie überraschend und wichtig und interessant die Villa Romana heute ist: Hier trifft man interessante Leute von außerhalb und jeder Künstler, der hier wohnt, ist in den letzten Jahren mindestens einmal vorbei gekommen. Die Villa Romana schafft Netzwerke, die es so vorher in Florenz nicht gab.

AS: Für uns geht es darum, mit der gegebenen Situation zu arbeiten und sie produktiv zu machen. Aber Fragen nach der Rezeption gehören dazu, um zu verstehen, wozu wir uns verhalten.

NS: Diese Frage stellt sich überall. Italien ist ja nicht unrealer als Deutschland oder die USA oder England.

GB: Ich habe mich eigentlich nie gefragt, wie die Villa Romana hier arbeiten kann, weil ich dachte, dass sie es gut macht. Schon die Tatsache, dass sie der Stadt die Möglichkeit gibt, zu erfahren was „draußen“ passiert, ist wichtig und hilfreich. Andere Institutionen sind vielleicht größer und reicher, aber nicht so aufgeschlossen.

SS: Glaubst Du, dass das Florentiner Publikum schwerer Zugang zur Villa findet, dass sie zu „fremd“ und entlegen ist?

GB: Nein, das Publikum kommt ja, das ist nicht das Problem. Die Villa Romana ist ja im Grunde in einer starken Position, sie muss keine Markenkünstler zeigen, um Besuchermassen anzuziehen. Sie kann mit experimentellen Projekten arbeiten und das ist es, was wir hier brauchen.

AS: Als ich vor vier Jahren herkam, war mein wichtigster Vorsatz, mich nicht von der Stadt als einem Museum erschlagen zu lassen, sondern sie als zeitgenössische Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern, mit Tausenden von Migranten, Millionen von Touristen, Verkehrsproblemen etc. zu sehen. Andererseits gibt es diese Insider-Infos: Florenz werde von fünf Familien regiert, die Positionen in der Sparkasse, im Immobiliengeschäft, in der Freimaurerloge etc. inne hätten. Das ist dann schon anders als in Berlin oder New York …

GB: Alle italienischen Städte haben diese Art von Familienstruktur, von Blutsbanden, die wichtiger sind als soziale und demokratische Strukturen. Aber als deutsche Institution muss die Villa Romana in diese Logik gar nicht eindringen, sie ist vielmehr eine Brücke nach draußen.

MA: Was ich nicht verstehe: Warum kann sich eine italienische Institution nicht derart positionieren? Es ist sehr bequem, Aufgaben an fremde Strukturen zu übertragen. Als ob sonst alle Opfer der lokalen Verhältnisse seien und diese nicht bewusst aufrechterhalten würden. Die Leute könnten sich ja auch entscheiden, sie nicht zu unterstützen.

GB: Natürlich können wir jetzt über Italien und Politik sprechen. Ich wollte eigentlich nur beschreiben, wie die Villa Romana hier wirkt.

AS: Vielleicht sollten wir wieder zur künstlerischen Arbeit und ihren Produktionsbedingungen zurückkommen. Mirene bereitet für 2011 / 2012 ja eine Folge von Symposia in der Villa vor, zu denen künstlerische Initiativen aus Berlin, Beirut und Italien eingeladen werden. Mirene, wie schaut man von Beirut aus auf die italienische Realität?

MA: Ich kann über die Perspektive einer lokalen kulturellen Produktion in Beirut sprechen. Italien ist für uns Teil Europas, was Grenzen, Visa, Reisemöglichkeiten betrifft. Wenn du in Beirut im kulturellen Feld arbeitest, gibt es kein Geld. Du musst dauernd Finanzierung bei den ausländischen Instituten beantragen. Das ist unsere Beziehung zu Europa. Und eigentlich willst du diese Kulturinstitute nicht um Unterstützung bitten, weil sie natürlich ihre eigenen politischen Agendas verfolgen. Dort geht es immer um ‚Vermittlung‘. Unser Programm von ‚98weeks‘ ist nicht abhängig von diesen Vermittlern, aber viele libanesische Kulturprojekte sind es. Abgesehen davon, ich bin in Italien aufgewachsen und 2006 weggegangen, weil es für mich nicht befriedigend war, hier zu arbeiten. Ich lebte in Rom und Rom ist sehr italienisch in dem Sinne, dass es sich ewig selbst wiederholt. Das war für mich erstickend.

AS: Du hast vor einer Weile gesagt, Italien habe eine „dominante Kultur“, wie es sie in Berlin oder Beirut nicht gibt. Was meinst Du damit?

MA: Dominant bedeutet, dass keine andere Referenz denkbar ist. Es ist eine Kultur, die sich immer auf sich bezieht.

SS: Aber die funktioniert ja nur in guten Zeiten. Bei Stress, zum Beispiel bei dem, was jetzt in Süditalien mit den Flüchtlingen passiert, werden die Grenzen dicht gemacht. Das ist ein sehr kurzfristiges Programm, nicht mal von Dominanz, sondern gegenüber schwächeren Ländern um die Ecke, in denen es ganz andere Probleme gibt.

AS: Giacomo, Du hast nichts von Deinen Projekten erzählt, zum Beispiel in der größten chinesischen Community in Europa, in Prato bei Florenz.

GB: Ja, ich dachte, es wäre unhöflich, zu viel von mir zu sprechen … Ich habe vor fünf, sechs Jahren ein zweijähriges Projekt gemacht, einen Prato-Führer. Prato ist der wichtigste Industriestandort in der Toskana, zehn Prozent der Bevölkerung sind Chinesen. Der Bürgermeister von Prato, mit Berlusconis Unterstützung gewählt, würde sie am liebsten wieder nach Hause schicken. Die Idee des Buches war es, ein Netzwerk gegen die Wand der Ausgrenzung zu bilden. Dann haben wir vor zwei Jahren in Florenz ein Projekt realisiert ‚Tools for revolution or just for sale‘, bei dem 43 Künstler – ein Großteil aus Florenz – untersuchten, wie die Idee des freien Marktes und die der Revolution sich zueinander verhalten. Da gab es Künstler, die in Isolotto gearbeitet haben, einem Viertel, das heute gentrifiziert ist, in den 60er und 70er Jahren aber Schauplatz von Arbeitskämpfen war, oder in Le Piaggie, einer vernachlässigten Zone von Florenz, wo quantifiziert wurde, wo Kommunikation im öffentlichen Raum stattfindet. Jetzt im Frühjahr habe ich sechs Kuratoren und Museumsdirektoren aus Europa eingeladen, im Museum von Monsummano Lectures zu halten darüber, wie ein Museum und für wen es heute arbeiten kann. Dieses kleine kommunale Museum sucht nach einem neuen Profil, nach einer Positionierung zwischen lokaler Bevölkerung und überregionaler Kunst.

AS: Nora und Rebecca, Ihr werdet insgesamt zehn Monate in Florenz verbringen. Wir haben uns bei der Neupositionierung der Villa Romana überlegt, ob eine solche Dauer weiterhin sinnvoll ist.

NS: Ich denke ja. Wenn der Aufenthalt kürzer ist, wird es zu einem Projekt. Dann siehst du die Stadt und alle Fragen eher oberflächlich. So kann man sie wieder und wieder stellen.

RAT: Florenz ist ein anderer Ort als z.B. New York oder London, wo man schon in etwa weiß, was einen erwartet und was möglich ist. Hier kommt man an und denkt: Mal sehen, was es so gibt. Man hat Zeit, in Italien zu reisen und einen weiteren Blick auf die Kultur zu finden, nicht nur Stereotypen zu wiederholen. Das interessiert mich sehr.

GB: Glaubst Du, dass diese Erfahrungen für Deine Arbeit nützlich sind?

RAT: Ich glaube zu reisen, bzw. die gewohnte Umgebung zu verlassen, ist immer gut für die künstlerische Arbeit. Ich bin eine langsame Arbeiterin, ich sammle Ideen und mache dann vielleicht erst ein Jahr später etwas damit. Um diese Erfahrungen zu verarbeiten, brauche ich Ruhe und Raum, wovon mir hier viel zur Verfügung steht.

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