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Interviews

Der florentinische Rausch
Strategien fotografischer Auseinandersetzung

Nine Budde (Villa Romana-Preisträgerin 2012) im Gespräch mit Angelika Stepken.


Nine, das Jahr in der Villa Romana ist für Dich sehr produktiv gewesen, Du hast  viele neue Projekte realisiert, viel mit Fotografie gearbeitet.. In manchen  Arbeiten nimmst Du auch Bezug auf Umstände vor Ort, in Florenz.

Ja, es war eine sehr produktive Zeit. Was natürlich auch daran lag, dass man sich in diesem Luxus befindet, dass man sich um nichts anderes kümmern muss als um die Kunst. Vielleicht trägt auch die Situation mit dem Garten, der Lage auf dem Berg dazu bei. Man wird topografisch aufgefangen und hat eine Vogelperspektive auf die Stadt. Man ist kein Teilnehmer.

Außerdem hat man diese unglaublichen Räume hier im Haus, einfach Platz und wunderschönes Licht. Ich glaube ja, dass Raum und wie man sich da drin befindet und verhält, auf einen einwirken.

Es war interessant, als eine Soziologin aus Mainz die Villa besuchte, um zu untersuchen wie Ateliers soziologisch funktionieren. Da habe ich gemerkt: im Gegensatz zu meinem Berliner Atelier kann ich mich hier bewegen, ich kann hin- und herlaufen und mit diesem Hin- und Herlaufen kann ich Orte, Denkorte etablieren. Die waren für mich bestimmt sehr ausschlaggebend für diese produktive Grundsituation.

Es ist natürlich auch von Vorteil, wenn man aus der Sprache herausgenommen wird. Du kannst in deinem Kopf bleiben und wirst nicht unterbrochen, wenn du irgendwo hingehst. Man hat den Künstlerluxus, ständig bei sich bleiben zu können.

Manchmal kommt das Kulturprogramm der Villa einem da ein bisschen  in die Quere. Aber Intimität ist stets gegeben. Die Arbeiten aus der Renaissance, die man dann in der Stadt findet, sind ja ebenfalls von einer unglaublichen Intimität geprägt. Man hat mit den stärksten und schwierigsten emotionalen Momenten zu tun: eine Mutter hat ein Kind, das der Messias ist und stirbt, es geht um Heilslehre... Das sind verglichen mit dem Kapitalismus heute tatsächlich unheimlich intime und stark emotionale Augenblicke, denen ich mich am Anfang gar nicht öffnen konnte. Der Anfang hier war schwierig, ich kam nicht rein in den florentinischen, historischen Rausch, ich konnte mich dem nicht öffnen. Tatsächlich initiierte für mich dann die Villa mit ihrer eigenen über 100 Jahre umspannenden Geschichte diese Öffnung. Es war ja reiner Zufall, dass ich bei einem Rundgang durch die Villa das Fotoarchiv von Joachim Burmeister (Leiter der VR von 1972-2006) entdeckte und es mich auf unbekannte Art und Weise berührte, bzw. mein Interesse weckte, eine Strategie zu entwickeln, um mich damit auseinanderzusetzen. So entstand die Dia-Show mit den Frauenbildern, die sich mir aus den Fotoalben erschlossen hat.

Was Dich ja dann wieder zu einem größeren Thema geführt hat, nämlich analoge Bilderarchive zu beobachten.

Ich habe ja fast 16 Jahre lang mit Video gearbeitet, hatte in den 90ern studiert und war also dem analogen Video verbunden. Dann musste ich irgendwann festellen, das diese digitalen Videos, wie man sie heute macht, nicht mein 'cup of tea' sind. Das Medium hat seine “Dreckigkeit”, “das Billige” verloren, die Bilder sind gigantisch scharf und sauber und machen die Sehgewohnheit sofort abhängig von dieser Art Bild. Meine Digital 8 - Kamera kommt mir vor wie ein Grammophon, obschon ich ihre Bilderart, diese aquarellartige Unschärfe sehr mag. Aber wie auch in der digitalen Fotografie herrscht momentan eine Art Bilderausverkauf. Diese DSC-1 Millionen Megabytes-Bilder-Dateien für Festplatten-Friedhöfe finde ich unsexy, da bin ich ausgestiegen und habe mich wieder der analogen Fotografie zugewandt. Ich hatte schon immer ein sehr emotionales Verhältnis zur analogen Fotografie. Aber mir sind keine Motive eingefallen. Ich habe seit den 90ern dokumentarisch fotografiert, selbst entwickelt etc., aber das als Kunstprodukt zu sehen, hat mich nicht überzeugt, zum einen weil mein Leben nicht diese ästhetisch-aufregende Seite wie z. B. bei Nan Goldin hat. Bei mir gab es keine verrückten, heroinabhängigen Nachtleben-Ikonenfreunde - obwohl das gar nicht stimmt, die gab es schon - aber diese Bilderwelt war bereits aufs Schönste dargestellt von eben Goldin oder Tillmans, und außerdem bin ich eine lausige Snapshot-Fotografin, da stimmt weder Abstand noch Ausschnitt, da kommt nichts bei rum. Ich bin bei Menschen schamhaft, Architektur kann ich besser fotografieren.

Das Problem für mich war also im künstlerischen Kontext: Was fotografiere ich? What is my picture? Und da bin ich u.a. auf analoge Fotoarchive in Florenz gestoßen, wieder mehr zufällig beim Herumstreunen. Es handelt sich um ganz unterschiedliche Archivarten. Die ersten Bilder sind bei einem Kelim-Teppichhändler entstanden,  Alberto Boralevi, einer Institution in seinem Metier, der auch Vorträge an der Uni gehalten hat und dessen Vortrags-Diakästchen in einem herrlichen, antiken Schrank ihr nun sinnloses Dasein fristen, da Vorträge heutzutage via Powerpoint gehalten werden. Das war mir eine Aufnahme wert. Die Kombination aus Ort, Aufbewahrungsart, das Vergessen und Erinnern von haptischen Bildträgern fasziniert mich. Nach Boralevis Schrank folgte die Fotothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, das ein sehr professionelles Setting anbot, die Burmeister “Fotothek”, die vor allem in ihrer Selbstgemachtheit besticht. Für das Fotoarchiv von Bardini war leider keine Zeit mehr, eine Genehmigung einzuholen. Aber dieses Projekt wird, glaube ich, ein globales Lifetime-Projekt, ich habe da keine Limits, keine Deadline im wahrsten Sinne des Wortes bei einem Lifetime-Projekt …

Das Spektrum Deiner aktuellen Fotografien reicht von Psycho-Analyse-Atelier-Couch-Fotos bis zu Portraits von Wurstscheiben ...

Ja genau! Ich musste jetzt wirklich das Feld sondieren, wofür die Zeit hier fantastisch war. Ich konnte mehrgleisig arbeiten. Ich hatte den Platz. Ich konnte so etwas wie eine Art Fotostudio installieren, das es mir ermöglichte, auch mit Menschen zu arbeiten, performativ zu arbeiten. Und auch Wurstmännchen zu arrangieren, das sehe ich aber mehr als Animation von Wurstscheiben denn als Portrait.

Wie bist Du mit der Aufenthaltsdauer von zehn Monaten in Florenz klar gekommen?

Als ich 2009 Olivier Foulon in der Villa Romana besucht habe, war für mich die Vorstellung, zehn Monate in Florenz zu sein, unvorstellbar schrecklich. Ich kannte bis dato nur sechs Monate Los Angeles und fand das auch schon lange. Als ich im Sommer in Berlin war, erzählte mir Ralf Ziervogel, dass der Senat das einjährige New York -Stipendium kippen wollte. Man war der Meinung, es sei zu lange. Haben sie dann bedauerlicherweise auch gekippt. Und jetzt kann ich - fast am Ende des zehnten Monats in Florenz- endlich sagen: Es ist super, so viel Zeit zu haben! Und vor allem: gerade habe ich den Eindruck, sie reicht gar nicht.

Ich merke jetzt erst wie langsam ich persönlich bin im Akklimatisieren, Orientieren. Ich mag die Phasen der Desorientiertheit nicht. Viele Menschen finden ja, das sei der tollste Moment überhaupt. Ich bin jetzt in einer Phase, wo ich anfange, diesen Ort endlich zu verstehen und das lässt die Bildmotive entstehen, über das Verstehen. Verstehen ist bei Florenz ja schwierig. Der Tourismus ist hier kein Side-Effekt mehr, er ist die Wirbelsäule dieser Stadt und sie macht den Ort auch kaputt und falsch und vollkommen unverständlich. Deswegen muss ich tatsächlich sagen, dass ich jetzt das Gefühl habe zu wenig Zeit zu haben. Ich meine, das sagt doch sehr viel über eine zehnmonatige Residenz.

Und an Deinem letzten Tag morgen musst Du noch einmal in den Boboli-Garten, um noch einmal Fotos zu machen, die die Blickwinkel der Skulpturen einbilden, ihre Augenblicke ablichten?

Ja genau, ich habe jetzt nochmal richtig Stress!

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