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Interviews

Ich weiß, was ich mache

Sophie Reinhold und Yorgos Sapountzis (Villa Romana-Preisträger 2012) im Gespräch mit Angelika Stepken.


Was hat der Ortswechsel Berlin – Florenz für Euch bedeutet? Den normalen Berliner Kontext zu verlassen und zehn Monate woanders zu arbeiten, das kann ja desorientieren, motivieren oder andere Effekte haben...

YS: Es war total gut. Ich habe das aber auch erwartet. Es war gut raus zu gehen. Ich habe mir immer gesagt: diesen Moment wirst du nie wieder erleben. Das passiert jetzt nur einmal. Ich muss das genießen. Und ich habe es genossen.

Was heißt ‘genießen’ für einen Künstler?

YS: Ich habe zum Beispiel Dinge genossen wie den Vollmond zu sehen über einer Stadt, die man vielleicht nie mehr sehen wird. Alle leben ja gerne in Großstädten, aber ich mochte den Kontext der Natur um mich herum. Ich habe versucht, alles in mir aufzunehmen.

Das ging für dich reibungslos, in diesem Naturkontext bei Florenz auf Hochtouren künstlerisch zu arbeiten?

YS: Die Arbeit ist ja immer eine Reflexion der Natur. Natur ist immer der Anfang und die Basis und sie beeinflusst Dich. Ich lebe jetzt seit zehn Jahren in Berlin und kenne viele Leute. Dort habe ich immer diesen Alltag. Es ist gut, einmal davon wegzukommen und nur mit sich selbst zu sein, bzw. ein paar Leuten hier vor Ort. Das ist ein anderer Modus. Du merkst, dass die Reflexion Deiner Gedanken auf die Umwelt hier eine andere ist. Die Reflexion ist viel fiktiver. Die Gedanken, die ich hatte, konnte ich noch einmal verfolgen. Auch 30 Minuten später.

Weil es hier nicht so viel Zerstreuung gab?

YS: Ja, es kommt alles wieder zurück. Ich erinnere mich an mein erstes Jahr in Berlin. Ich kannte niemanden, alles war für mich eine neue Welt. Berlin war der erste Ort, an dem ich - abgesehen von meiner Heimatstadt Athen - für längere Zeit gewohnt habe. Alles war neu und Du hörst Deine Gedanken viel klarer. Das hat auch hier wieder funktioniert. Gleichzeitig gibt es all die Kunst, die man sonst nur aus kunsthistorischen Publikationen kennt, hier in den Museen zu sehen und zu verstehen, wie sie funktioniert hat und wie aktiv sie immer noch ist.

SR: Für mich ist es ja erst ein Jahr her, dass ich mein Diplom gemacht habe. Somit war das Stipendium eine Art Übergleiten in die nächste Institution. Für mich war es besonders wichtig, Zeit zu haben, um die Arbeit, mit der man unsicher aus der Schule herausgeht, zu festigen. Ich befand mich bei der Ankunft noch in einem Stadium, in dem man bei Komplimenten gleich auch ein Gefühl der Ungläubigkeit, Erleichterung und Dankbarkeit empfindet. Durch das viele Alleinsein hier konnte ich unglaublich gut ein Selbstgefühl für meine Arbeit entwickeln. Ich gehe hier weg und weiß, was ich momentan mache. Ich glaube, das wäre in Berlin für mich nicht möglich gewesen.

YS: So ging es mir auch.

Braucht es für solch eine Vergewisserung Einsamkeit?

SR: Das ist ja dieses Klischee. Als es darum ging, meine Bewerbungsmappe für die Kunsthochschulen zusammen zu stellen, bin ich aufs Land gefahren. Ich dachte, dort könnte ich ohne Ablenkung alles rauslassen, loslassen. Dann war ich da plötzlich zwischen diesen Bäumen am See und es ging gar nichts. Es kam einfach nichts auf das Blatt, was irgendwie authentisch sein konnte. Also bin ich  zurück gefahren nach Berlin. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt brauchte ich diese ganzen Berliner Informationsüberfluss. Hier bin ich schon mit sehr viel Wissen, das man sich im Laufe eines Studiums so aneignet, angekommen. Da die Renaissance definitiv einen großen Einfluss auf meine Kunst hat, war es gut, sie vor Ort zu sehen und sich dann aber trotzdem inhaltlich davon entfernen zu können. Ich weiß, was ich davon übernehme und ich weiß auch, dass ich nicht nur eine Kopie anfertige. Ich verstecke mich nicht hinter der Renaissance-Kunst.

Kannst du kurz skizzieren, inwiefern die Renaissance für dich so eine wichtige Rolle spielt?

SR: Was mich an der Renaissance und an der Art ihrer Malerei fasziniert, ist dieser Übergang von der Abstraktion, der Geometrie ins Realistische, von der übersinnlichen Darstellung der Religion hin zu einer irdischen. Diese feine Grenze des Lichts, das die Maler zu dieser Zeit zugelassen haben.... Wenn du als Künstler hier ankommst, siehst du dieses Licht der Toskana und verstehst diese Farben und diesen feinen Übergang zwischen Goldgrund und Farbe, zwischen Giotto und Pontormo. Mich hat diese Art, das Licht und das Umfeld zu sehen, sehr inspiriert. Es hatte aber auch eine entmystifizierende Wirkung für mich, alles in Realität zu sehen, z.B. wenn die Sonne untergeht und der Himmel umbrafarbenen wird. Es war für mich als Malerin eine starke Erfahrung, welchen Einfluss das Sehen tatsächlich hat.

YS: Für mich war in Florenz vor allem die Architektur prägend. Eine revolutionäre Architektur, die aber nicht besonders erfolgreich war und somit auch Fehler hat. Das gefällt mir. Es ging in der Renaissance darum, einen Rhythmus in die Architektur einzuführen. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Elemente dieser Architekturepoche heute noch vorzufinden sind. Diese Strukturen können mich sogar zum Lachen bringen.

Sophie, Deine Arbeit ist ja einerseits Malerei auf Keilrahmen, andererseits ist sie aber auch sehr raumbezogen. Du hast in diesem Jahr verschiedene Bildräume / Raumbilder für Ausstellungen geschaffen. Ist Dein Arbeiten am Bild und das Bild im Raum immer in Bezug auf den Betrachter konzipiert?

SR: So simpel ist das eigentlich gedacht. Es geht um das ganz einfache Verhältnis zwischen Betrachter und Bild, aber eben mit dem Bewusstsein, dass man sich gerade etwas anschaut. Also dass das Sehen auf eine Art thematisiert wird. Das war ja auch bei meiner Performance zu den Open Studios ganz interessant, wie sich das Publikum fühlte: man wusste, man steht vor einen Wand und schaut durch ein Loch. Aber es war nicht sicher, wie lange man dort stehen bleiben konnte.

Es geht also auch um den Abstand zum Bild?

SR: Ja, um den Abstand und um die Bewegung zum Bild. Ich war ein bisschen müde von diesem offensichtlichen bzw. vorhersehbaren Platz des Bildes. Man kommt herein, da ist das Bild, man schaut es sich an und geht wieder heraus bzw. einfach nur vorbei. Diese Eingriffe in den Raum spiegeln nicht meine Verzweiflung wieder. Sie ähneln eigentlich eher einem Environment; Du kommst herein und bist Teil dessen, was Du tust und siehst.

Was ich daran spannend finde, ist, dass es nicht um ein dialogisches Verhältnis zwischen Betrachter und Bild geht, sondern um komplexe räumliche Situationen.

SR: Ich sehe die Architektur des Raums schon als Bild an. Das heißt, die Wand für sich ist eigentlich schon das Bild.

Ohne dass es aber theatralisch wird..

SR: Was ich in diesem Jahr gemerkt habe ist, dass die Bilder zwar als Einzelbilder entstehen, sobald sie jedoch den Raum betreten keine Einzelbilder mehr sind.

Kannst Du noch etwas über Deine Arbeit in den Marmorbrüchen von Carrara sagen?

SR: Diese Arbeit ist entstanden, weil ich schon immer die Vorstellung hatte, dort Zeit zu verbringen und zu arbeiten. Weil ich mit Marmorstaub arbeite, war mein Interesse natürlich groß, ich wollte dem Material wie in einer wissenschaftlichen Recherche nachgehen - ohne das jedoch zu konzeptionell zu sehen. Das erste Mal waren wir im März oder im April in Carrara. Es ist einfach magisch dort. Ich habe immer versucht mir und auch anderen Leuten zu erklären, warum das so ist. Dieser starke Kontrast zwischen Abstraktion, also den von Menschen herausgeschnittenen Treppenstufen im Marmor, und dem natürlichen Berg. Das ist wie bei den Pyramiden: geometrische, überirdische Formen versus das Irdische. Das ist eine unglaubliche Kombination für das Auge.

Du hast in der Marmorwand ein Bild geschaffen, eine 3 x 4 Meter große polierte Marmorfläche. Aber Du hast auch einen Film zu dem Bild gedreht.

SR: Am Anfang war die Idee nur zu schleifen. Dann kam die Idee des Films. Die Arbeit ist aus 200 Metern Entfernung sichtbar und tatsächlich wird der Film auch aus dieser Distanz geschossen. Er beginnt mit einem sehr großen Zoom auf die Arbeit und zoomt sich dann innerhalb von 35 Minuten immer weiter zurück. Zwischenzeitlich verliert man jeden Bezug zu Größen- und Ortsverhältnissen.

D.h. diese Arbeit hat Dich in Fragestellungen von Land Art geführt?

SR: Ich benutze ja schon ein Format, das einem Bildformat entspricht. Dieses Viereck ist bewusst gewählt als Vorgabe eines Displays. Die Eröffnung war ein unglaublicher Moment: die einzigen Leute, die geklatscht haben, waren die Brucharbeiter.

Yorgos, du hast in Uruguay oder in Kopenhagen vor Ort gearbeitet und Dich hier auf diese Arbeiten vorbereitet.

YS: Ja, ich habe den Aufenthalt in der Villa immer zur Erholung bzw. zur Vorbereitung genutzt. Ich konnte mir hier in Ruhe Gedanken machen. Zwischen den drei Einzelausstellungen war ich immer froh zurück zu kommen. Es war so eine Art Nest für mich. Das Buch, das ich hier gemacht habe, wäre sicher ganz anders geworden, hätte ich es in  Berlin gemacht. Bei einem Buch muss man auswählen, was wertvoll ist und was nicht. Das konnte ich hier gut machen. Ich konnte mich - wie gesagt - sehr gut selbst hören.

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