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Interviews

2017

Die Villa Romana-Preisträger 2016

Flaka Haliti, Stefan Vogel, Nico Joana Weber, Jonas Weichsel

Die Villa Romana-Preisträger 2016 im Gespräch mit Angelika Stepken


Euer Aufenthalt in der Villa Romana geht nach neun Monaten nun dem Ende entgegen. Könnt Ihr Euch noch daran erinnern, wie Ihr Euch zu Beginn gefühlt habt, als Ihr hier angekommen seid: Was waren Eure ersten Eindrücke und Erwartungen? Und wie seht Ihr diese Anfangsmomente heute?

Jonas: Meine Erinnerung an diese Zeit ist eher ein Gefühl oder ein Bild, als ich den Garten und das superhelle Licht sah. Alles war in bester Form, die Bäume, das Gras… Der Ort erschien mir wundervoll und hatte durch die Geschichten, die ich gehört, und die  Bücher, die ich gelesen hatte, eine starke Aura. Es war einfach ein schöner Ort. Dann beginnt man natürlich, ihn irgendwie mit seiner eigenen Identität zu verknüpfen.

Es war also, als ob ihr ein Bild betreten habt, das für Euch vorbereitet war?

Jonas: Ja, genau.

Nico: Ja, aber es gab auch diesen Moment, das Innen dieses Orts zu sehen, was man im Internet nie sieht. Ich war wirklich überrascht, wie weitläufig die Ateliers, die Wohnräume und der Garten sind. Es war wirklich ein unglaubliches Gefühl, zu wissen, hier so viele Monate verbringen zu können. Es war viel besser, als ich es mir vorgestellt hatte.

Flaka: Ja, es mangelt hier wirklich nicht an Platz. Ich stimme vollkommen mit euch überein, was den Ort und das Gebäude betrifft. Wenn ich aber als Kosovo-Albanerin, die in Deutschland lebt, rückblickend an die Institution denke, merke ich: das ist schon eine ganz andere Erfahrung als für Deutsche, die hierher kommen. Ich habe fast ein Jahr in Venedig verbracht – anlässlich der Biennale – und mich mit der italienischen Mentalität, Produktionsweise, dem Dasein und seiner Geschwindigkeit vertraut gemacht. Ich hatte mich vorbereitet und dachte, dass ich mit Florenz klar käme. Die Überraschung war dann, tatsächlich eine deutsche Institution zu betreten. Das hatte ich ganz vergessen.

Wie habt Ihr einen so langen Aufenthalt erlebt? Manchmal verfliegt die Zeit ja, dann wieder vergeht sie zu langsam und bestimmte Dinge fehlen... Erzählt ein bisschen, wie Ihr Eure Zeit hier gelebt habt.

Nico: Man kommt schon mit einer bestimmten Einstellung an, wenn man weiß, dass es nicht um ein einzelnes Projekt geht, sondern um Alltag. Heute muss ich sagen, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie ich mich zu Hause wieder fühlen werde. Ich habe hier wirklich neun Monate lang gelebt, was perfekt für mich war. So eine Gelegenheit bietet sich nur selten.

Jonas: Interessant ist auch, dass man hier eine relativ lange Zeit verbringt, ohne seine künstlerische Produktion zu unterbrechen. Ich bin Maler und wenn ich verreise, verlasse ich gewöhnlich mein Atelier und kehre dorthin zurück, nachdem ich etwas erlebt habe. Aber hier hängt alles miteinander zusammen. Es ist nicht leicht, alle Aspekte zusammen zu bringen, die wir hier im Laufe der Zeit erfahren haben. Vielleicht sollten wir genauer auf einzelne Punkte eingehen...

Das hängt ja sehr stark von jedem Einzelnen ab. Ich erinnere mich an Stipendiaten, denen ab einer gewissen Zeit die Auseinandersetzung und der Dialog fehlten. Andere wiederum durchliefen eine Krise, da sie zu sehr auf der Stelle traten. Jonas, Dir ist es gelungen, hier sofort weiterzuarbeiten. Du hast deinen Siebdrucktisch aufgebaut und Dich tags darauf an die Arbeit gemacht….

Jonas: Ich steckte mitten in einem Produktionsprozess und habe nur den Ort gewechselt. Ich habe das Atelier erst nach drei Monaten verlassen. Anfangs war es eine vollkommen abstrakte Situation. Ich habe gearbeitet, ohne einen Bezug zu dem Ort, an dem ich mich aufhielt, und der Stadt. Dazu kam es erst später, was sehr schön war, da ich dann sehr offen dafür war, mir alles anzuschauen und vielleicht in meiner Arbeit auf eine Art und Weise zu reflektieren, wie ich das in Deutschland niemals getan hätte. Mir hat der Tapetenwechsel sehr gut getan.

Nico: Dasselbe gilt auch für mich. Ich habe hier Dinge begonnen, die ich mir in Deutschland schon lange vorgenommen, aber irgendwie nie gemacht hatte, beispielsweise einen Essay schreiben. Auch wenn ich nicht alles zu Ende gebracht habe und nicht so zielgerichtet und produktiv war, wie ich es von mir erwartet hätte, hat es mir auf mentaler Ebene sehr geholfen, neue Dinge zu wagen und in Angriff zu nehmen. Ich bin sicher, dass es nächstes Jahr so weitergehen wird.

Ich erinnere mich, dass Yorgos Sapountzis vor ein paar Jahren am Ende seines Aufenthalts gesagt hat, dass er hier seine eigene Stimme deutlicher gehört hat.

Nico: Dem stimme ich zu. Ich konnte aus der Routine ausbrechen, die einen oft blockiert.

Jonas: Ich habe es sehr genossen, von Olivenbäumen umgeben zu sein und mit dem Garten einen anderen Ort zu haben, um mit mir selbst in einen Dialog zu treten: Ich konnte das Atelier verlassen, blieb aber gleichzeitig mit diesem verbunden. Ich bin jeden Tag im Garten spazieren gegangen und habe darüber nachgedacht, welcher Schritt oder welche Entscheidung als Nächstes ansteht. So etwas kann man in der Stadt nicht tun. Wir hatten hier diesen weitläufigen privaten Ort.

Ein Garten ist ein geschützter Ort. Es ist interessant, was Du darüber sagst. Am Anfang hatten wir viele Fragen bezüglich des Gartens: Ist er ein privater oder öffentlicher Ort, in welcher Beziehung steht er zu einem Künstlerhaus? Aber auch Du, Stefan, hast Dich viel draußen aufgehalten und unter den Bäumen geschlafen.

Stefan: Für mich war es das erste Mal, solch eine Natur um mich zu haben. Durch den Garten zu laufen, darin wach zu werden, das werde ich im kommenden Jahr wirklich vermissen.

Was wird Dir genau fehlen?

Stefan: Vielleicht diese Art Insel. Ich glaube, ich benötige etwas Zeit, um zu verstehen, was die Villa oder das Atelier eigentlich bedeuten. Ich habe viel getan, war aber nicht unbedingt produktiv.

Du hast drei Atelierausstellungen realisiert und Dich mit Deiner Arbeit stark in den Raum bewegt.

Stefan: Ja, aber das war eine Reaktion. Das Atelier war früher eine Garage. Ich musste etwas verändern und daraus ist eine Ausstellung geworden. Dann habe ich den Raum immer wieder umgestaltet. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob der Raum nur neutraler sein sollte, weniger Florenz, weniger Palmen. Ich wollte mich in meinem Atelier einfach nicht als Tourist fühlen.

Flaka: In zeitlicher Hinsicht hat mich der Druck von Deadlines mehr gestresst. Ich musste mich an Fristen halten und an Dingen arbeiten, die ich bereits versprochen hatte. Ich habe einfach nur versucht, zu funktionieren. Da ich für Termine sehr oft nach München reisen musste, wurde mir klar, dass ich dort oder beispielsweise in Stockholm gearbeitet und darauf gewartet habe, wieder hierher zurückzukehren. Der Ort wurde zu einer Art Basis, um mich zu konzentrieren. In meinem Atelier konnte ich schreiben, Büroarbeiten erledigen und produzieren. So habe ich mich schließlich heimisch gefühlt. Besonders praktisch war für mich die Terrasse. Wenn ich mich mit Photoshop oder anderen Dingen beschäftigte, konnte ich dort beinahe im White Cube des Ateliers sein. Der Garten war mehr ein sozialer Ort, die Terrasse dagegen privat. Manchmal hat es mir gereicht, in den Garten anstatt in die Stadt zu gehen.

Welches Verhältnis hast Du dann zur Stadt entwickelt?

Flaka: Wenn ich das Atelier nach mehreren Arbeitstagen verlassen habe, fühlte ich mich in der Stadt als Tourist, wahrscheinlich wegen der Menschenmengen und der Schönheit der toskanischen Landschaft oder einiger italienischer Erinnerungen.

Ich muss sagen, dass ich mich nicht als Tourist fühle, wenn ich in die Stadt gehe, was gar nicht so häufig vorkommt. Ich möchte kein Tourist sein und ich möchte keine Touristen sehen. Ich bewege mich dann eher wie in einem Tunnel…

Flaka: Ich fühlte mich aber die ganze Zeit über so. Wenn ich in die Stadt gegangen bin, war ich unvoreingenommen und habe mich geistig von der Alltagsroutine erholt. Da ich meinen Urlaub oft in Italien verbracht habe, konnte ich dieses Gefühl wieder leicht aufleben lassen.

Und was ist mit all der Kunst ringsum? War es wieder so: Erst geht man auf Distanz, um nicht überwältigt zu werden und dann im November musstet Ihr Euch beeilen ….?

Jonas: Ganz ehrlich, ich hatte keine Angst davor, überwältigt zu werden. Ich hatte sogar darauf gehofft. Es ist sehr interessant, dem roten Faden der Malereigeschichte zu folgen. Viele Dinge, mein Referenzsystem, die westliche Ästhetik wurden hier erfunden. Die Uffizien waren die erste Institution, die sich selbst als Galerie bezeichnete. Viele Fragen, nicht nur formaler Art, kommen auf… Es war auch ein Luxus, sich alles nicht nur in zwei Wochen anzuschauen, sondern immer wieder zurückkehren zu können.

Nico: Dadurch, dass mich so viel Kunst umgab, die nicht zeitgenössisch und mit meiner künstlerischen Praxis verbunden ist, habe ich mich freier gefühlt, sie anzuschauen. Ich muss dann nicht die ganze Zeit darüber nachdenken, wie ich arbeite. Das macht mich unbefangener und empfänglicher für Farben, Oberflächen und Materialien. Es ist auch ein bisschen so, als würde man sich in einer Zeitkapsel bewegen, in der man nicht immer die Notwendigkeit verspürt, überall sein zu müssen, wie es beispielsweise in New York der Fall sein könnte. Es ist eine andere Art von Konzentration, sie ist mehr nach innen gerichtet.

Stefan: Am Anfang besuchte ich die Stadt als Tourist wegen all der Touristen. Und dann begann ich, die Villa Romana durch die Ausstellung und das Atelier als Insel zu entdecken. Zwischen der Villa und der Stadt tat sich eine Kluft auf, weshalb ich mich gezwungen sah, die Stadt aufzusuchen. Der Fluss wurde zu einer Art Grenze für mich, da unsere Arno-Seite normaler ist. Du kannst hier beispielsweise auf der Piazza Santo Spirito etwas trinken gehen. Sobald ich aber die Brücke überquert habe, versuchte ich so schnell wie möglich vorwärtszukommen. Jetzt, während des letzten Monats kann ich das Stadtzentrum mehr genießen, vielleicht, weil mein Aufenthalt bald vorüber ist.

Nico: Vielleicht aber auch, weil sich die Stadt im Laufe unseres Aufenthalts so stark verändert hat. Auch das ist Grund, warum ein Aufenthalt von fast einem Jahr so schön ist: Die Jahreszeiten wechseln, die Stadt verändert sich. Gerade jetzt im November. Ich mag das Licht, den Nebel über dem Fluss, weniger Menschen sind unterwegs. Ich glaube, dass ich im August nur ein einziges Mal in der Stadt war.

Stefan: Wenn du ein Jahr lang in einer Stadt lebst, baust du ein Verhältnis zu ihr auf, egal ob du die Stadt magst oder nicht. Ich bin neugierig darauf, wie es sein wird, nächstes Jahr hierher zurückzukehren und die Uffizien aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Flaka: Meine Beziehung zu der Stadt als Museum und der Renaissance würde ich eher so beschreiben: Es gibt viel zu sehen, aber ich suche nichts. Die Suche nach Inspiration hätte mich in eine falsche Richtung führen können. Ich lasse es einfach passieren, jetzt oder in zwei Jahren. Und etwas ist schon passiert. Wenn ich heute alte Gemälde in Museen und Kirchen betrachte, schrecke ich weniger davor zurück, diese Dinge anzuschauen als zeitgenössische Kunst, die viel stärker mit meiner Ästhetik verbunden ist. Seit Kurzem inspirieren mich Engelsflügel, die ich ebenfalls aus einer zeitgemäßen Perspektive erkunde. Ich arbeite hierzu bereits in einer neuen Produktion, allerdings losgelöst vom Gemälde, der Kirche und ihren Metaphern der Repräsentation. Weitere Sachen werden später sicher noch auftauchen.

Wie habt Ihr Euch in Anbetracht der parallelen Realitäten in der Villa gefühlt: Ausstellungen, Gastkünstleraufenthalte, Konzerte, Treffen, Besucher… Diese Veranstaltungen machen aus Eurer privaten Atelireumgebung einen mehr oder weniger öffentlichen Raum. Hat das Eure Konzentration gestört oder waren es Gelegenheiten für Euch, Euch zu öffnen?

Jonas: Für mich war es eine gute Mischung. Es war viel los. Wir hatten viele Atelierbesuche und dann folgten wieder sehr ruhige Wochen. Wenn die ganze Zeit über so viel Trubel wie im Mai/Juni geherrscht hätte, wäre es mir zu viel geworden. Aber so war es perfekt.

Stefan: Am Anfang weißt du nicht, wie viel Gewicht du beispielsweise den Atelierbesuchen beimessen sollst. Die Atelierbesuche, die ich bis dahin hatte, waren Besuche von Freunden oder Leuten, die ich eingeladen hatte. Am Ende habe ich aber die richtige Balance gefunden, um von den Besuchergruppen nicht zu sehr vereinnahmt zu werden.

Nico: Ja, es gab ein paar Momente, da hast du dich wie ein Tier im Zoo gefühlt. Ich konnte mich aber damit anfreunden. Du darfst dich emotional nicht zu stark involvieren lassen, du machst es einfach. An einem bestimmten Punkt habe ich gedacht: Jetzt wird es mir zu viel. Gleichzeitig aber hat mir die Situation geholfen, mich zu öffnen und lockerer über meine Arbeit zu sprechen. Ich habe mich nie unter Druck gesetzt gefühlt, Dinge zu tun. Es war immer so: Wenn du Raum für dich benötigst, kannst du ihn dir nehmen. Und das habe ich wirklich geschätzt in einer Struktur, in der wir alle unter einem Dach gewohnt und sich viele Dinge ereignet haben. Natürlich war dies eine Gemeinschaft, die über das Jahr gewachsen ist und der du angehören wolltest. Aber das ist etwas ganz anderes, als wenn es die ganze Zeit Erwartungen und Druck gibt teilzunehmen.


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