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Veranstaltungen

18.06.                     21.06.2013

Filmvorführung

Sophie Reinhold
cava no 150

Foto: Frederic Detjens


Carrara, das Gebirge, in dem weißer Marmor schon für die Skulpturen Michelangelos abgebaut wurde, ist eine extrem zerschnittene, demontierte Landschaft, die ausschließlich auf die Gewinnung dieses Rohstoffs ausgerichtet ist, wobei Gewinnung zugleich die Abtragung der Produktionsstätte bedeutet. Innen im Berg, innen in den Blöcken sind potenzielle Objekte, die auf ihre Freilegung warten. Bis dahin sind Material und Landschaft in ein strenges Raster gefasst. Die Abtragung des Marmors ist so perfektioniert, dass er scheinbar seine materiellen Eigenschaften verliert. Die Blöcke, eben noch dem Erdreich entnommen, sehen sauber und glatt aus, der Stein scheint weich zu sein, dass man ihn so schneiden kann. Die Transporter fahren wie Miniaturautos an den Kanten des Berges entlang, sie scheinen kein Gewicht tragen zu müssen. Bei der Abtragung des Berges werden horizontale und vertikale Schnitte so gerade und rechtwinklig aufeinandergesetzt, dass die Ausschnitte aussehen wie Zimmer und Flure. Der Berg wird domestiziert, sieht aus wie ein großes geschältes Haus.
 
In diesem Arrangement hat Sophie Reinhold ihr Atelier eingerichtet. Es sieht aus wie die Bühne eines antiken Theaters. An der Wand befindet sich ein Bild, ein Marmorbild, hergestellt durch Abtragung. Sie hat einfach ein rechteckiges Stück Fläche vom Berg abgeschliffen.
Man stellt sich vor, die Seite eines Berges abzuschleifen sei so wie ein wildes Pferd zu striegeln. Aber hier wird die Zurücknahme dieser Art von Produktion, ihr konzeptueller Gedanke, durch Reduktion noch unterstrichen, sie ist bereits vorbei. Ihr überprüfender Blick auf das Bild schwankt zwischen der Konzentration auf das Bild und dem Bewusstsein, gefilmt zu werden, zwischen Atelier und Bühne.Landschaft und Zeit sind stehen geblieben, wie ein abgefilmtes Foto. Wachsen Berge nach?

Der sehr langsame Zoom raus verläuft parallel zu dem Blick der Künstlerin, der von der Fokussierung auf das zweidimensionale Bild zu seinem dreidimensionalen Zusammenhang übergeht, wobei das Bild fast verlorengeht in der geometrischen Struktur der Landschaft und die Fläche von Blöcken ersetzt wird, die daneben abtransportiert werden. Auch Sophie Reinhold als Produzentin geht irgendwo zwischen den Abgründen dieser Produktionslandschaft verloren und taucht erst ganz am Schluss plötzlich vor der Kamera auf, als sie direkt durchs Bild läuft. In diesem Moment kommt sie selbst auf die Seite der Betrachtung und implizit werden die letzten Minuten umdefiniert: ihr Verschwinden war in Wahrheit der buchstäbliche Übergang von einer Ebene zur anderen, eine Parallele zur Abstraktion des Bildes und der Landschaft selbst.
Auch ihre anfängliche Betrachtung des Bildes wird am Ende umdefiniert. Schien sie anfangs noch über den Ort verfügen zu können, so wird schnell klar, wessen Territorium er ist, als Transporter ins Bild kommen und durch das Atelier fahren. Was anfangs wie ein letzter prüfender Blick erschien auf ein Bild, das jetzt vielleicht in die Öffentlichkeit übergeht, ist eigentlich der Abschied davon. Sein Schicksal ist jetzt absehbar.

Es stellt sich die Frage nach einem möglichen künstlerischen und historischen Umgang mit dem wertvollen Marmor und nach dem Wert künstlerischer Produktion selbst, innerhalb einer rein materialistischen, sich selbst dekonstruierenden Struktur.

Nora Schultz



Sophie Reinhold lebte 2012 als Villa Romana-Preisträgerin in Florenz. 
Nora Schultz lebte 2011 als Villa Romana-Preisträgerin in Florenz.

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