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Mittelmeer-Dialoge

2013

Sofiane Zouggar

Wir versuchen, mit anderen Menschen zu kommunizieren

Der algerische Künstler Sofiane Zouggar (Gastkünstler in der Villa Romana 2013) im Gespräch mit Angelika Stepken.


Kurz bevor du nach Florenz gekommen bist, hast du in Algier eine Gruppenausstellung organisiert, die offenkundig auf eine große öffentliche Resonanz gestoßen ist. Kannst du dieses Projekt nӓher erlӓutern?

Ja, natürlich. Der Titel der Ausstellung lautet Picturie Générale und nimmt Bezug auf die Lebensmittelgeschӓfte in Algier, die Alimentation générale heißen. Die Ausstellung war als Kritik am Kunstbusiness und an der Konsumation von Kunst in Algerien konzipiert.

Welcher Art ist das Kunstbusiness in Algerien? Auf was für ein kommerzielles System beziehst du dich?

Wir haben nur sehr wenige professionelle Galerien. Die Kunstwelt hӓlt an dekorativen Darstellungen, an einem mit Geschichte und Erinnerung verbundenen Orientalismus fest. Es ist schwierig, Unterstützung für ein zeitgenössisches Kunstprojekt zu erhalten. Privat- und Regierungsstiftungen bevorzugen traditionelle Materialien und Medien wie Malerei oder Skulptur. Fotografie und Installationskunst werden kaum akzeptiert.

Wie bist du bei der Umsetzung deiner Gruppenausstellung vorgegangen?

Dies war unsere erste Erfahrung an einem öffentlichen Ort. Seit 2008/2009 bilden wir eine Gruppe von jungen Künstlern, die sich Box 24 nennt. Wir realisieren unsere Projekte ohne jegliche Unterstützung. Prӓsentationen finden in Privatwohnungen statt. Box 24 arbeitet gewissermaßen im Untergrund und kooperiert auch mit anderen Gruppen. Zu Beginn unseres aktuellen Ausstellungsprojekts haben wir - ich und Mourad Krinah - uns nicht als Kuratoren gesehen, die eine Auswahl vornehmen. Vielmehr handelte es sich um eine Zusammenarbeit mit Künstlern und Freunden, alles junge Leute unter 35. Das Alter war aber auch kein zwingendes Auswahlkriterium. Wir haben versucht, professionell zu arbeiten, die Medien einzubeziehen und das Projekt möglichst vielen Menschen zugӓglich zu machen. Wir haben versucht, mit anderen Menschen als gewöhnlich in Kommunikation zu treten. Wir wollten ganz normale Menschen ansprechen. Wir waren dabei sehr erfolgreich. Wir haben Facebook, Blogs und das Radio eingesetzt. Die Ausstellung hat deshalb einen so großen Erfolg erzielt, weil wir Künstler zeigen konnten, dass es uns gibt! Viele algerische Künstler stellen in Europa aus, in Algerien aber nur im „Verborgenen”.

Wo genau habt Ihr die Ausstellung gezeigt?

Als Ort haben wir die Kunstschule Artissimo im Zentrum von Algier ausgewӓhlt. Sehr viele Leute sind gekommen, um die Ausstellung zu besuchen und auch um Fragen zu stellen. Viele haben das erste Mal ein Video oder eine interaktive Videoinstallation wie meine Arbeit oder die Arbeit von Walid Aiidoud gesehen. Es war sehr interessant, mit ihnen zu sprechen, ihre Fragen zu beantworten, Erklӓrungen zu geben, sich mit ihnen auszutauschen und einfach nur anwesend zu sein. Mir war die starke Wirkung meiner Bilder nicht in diesem Maße bewusst. In meiner Videoarbeit konnte der Besucher sich selbst erblicken, solange er Gerӓusche erzeugte. Das Bild verschwand jedoch, sobald man sich ruhig verhielt. Je mehr Gerӓusche ein Besucher verursachte, desto mehr Bilder erschienen. Vielleicht stellte es eine interessante Erfahrung für die Besucher dar, sich selbst wahrzunehmen. So viele Bilder über den Arabischen Frühling, die europӓische Krise und die Ereignisse in Afrika und Palӓstina sind im Umlauf. Die Leute verfolgen die Fernsehbilder und haben keine Ahnung, wie die Auswahl der Nachrichten und Bilder ablӓuft.

Meine künstlerische Arbeit setzt sich mit den Medien und Kontrollmechanismen auseinander. Warum erwӓhnen Berichterstattungen zum Arabischen Frühling auch Syrien und Libyen, aber nicht Bahrein? Warum wird nicht über die Ereignisse im Kongo berichtet? Bilder besitzen eine so große Macht, wir schenken ihnen Glauben.

Interaktivititӓt ist ein Schlüsselwort für deine künstlerische Praxis … ?

Ja, richtig. Diese Ausstellung war eine interessante Erfahrung für mich. Im Gesprӓch mit den Besuchern sind viele Interpretationen meiner Arbeit zum Vorschein gekommen, die mir vorher überhaupt nicht bewusst waren.

Wie willst du diesen Dialog weiterführen? Wie sehen deine nӓchsten Schritte aus?

Das nӓchste Projekt ist eine Zeitschrift mit dem Titel Ch’kara. Mourad und ich arbeiten schon seit zwei Jahren an dem Projekt. Das Wort Ch’kara ist ein altes Wort, aber seine Bedeutung hat sich wӓhrend der Jahre des Terrorismus und in der Zeit danach gewandelt. Damals war Korruption weit verbreitet. Eine Art Mafia heimste sehr viel Geld ein. Ch’kara bedeutet Tasche. Über die Leute, die das Geld einstrichen, sagte man: sie haben die Ch’kara. Das Wort Tasche kann heutzutage auch folgende Bedeutung haben: eine Tasche voll Energie, eine Tasche voll neuer, junger Künstler ...

Beziehst du dich auf die Jahre des Terrors, die in der europӓischen Politik immer noch als „Bürgerkrieg“ in Algerien umschrieben werden?

In Algerien fand kein Bürgerkrieg statt. Es handelte sich um eine Strategie der Regierung und einer Partei. Das Land war zweigeteilt. Anarchische Zustӓnde herrschten. Die Menschen konnten das, was vor sich ging, nicht mehr verstehen und den Geschehnissen nicht mehr folgen. Es waren sehr harte Zeiten. Ich habe viel darüber recherchiert. Meine letzte Arbeit an der Kunstakademie handelt von der Kunst in den Jahren des Terrorismus und danach. Nur wenige Künstler waren wӓhrend dieser Zeit künstlerisch tӓtig. Viele von ihnen wurden ermordet. Künstler lebten damals in Angst. Viele von ihnen kapitulierten, da die grausamen Fernsehbilder, die jeden Tag ausgestrahlt wurden, so mӓchtig waren, dass man sie nicht mehr interpretieren konnte. Diese Bilder der Gewalt beherrschten alle Gefühle und Reflexionen.

Die junge Künstlergeneration setzt sich aber sehr intensiv mit dieser traumatischen Erfahrung auseinander?

Ja, das ist richtig. Ich bereite gerade eine Arbeit vor, die sich mit all den Wörtern beschӓftigt, die im Laufe der Jahre des Terrorismus ihre Bedeutung geӓndert haben. Diese Wörter besitzen Symbolcharakter. Und sie werden irgendwie immer noch abgelehnt, obwohl sie ursprünglich aus dem Alltagsleben oder aus religiösen Quellen stammen.

Kannst du uns noch etwas über deine letzte Arbeit an der Kunstakademie erzӓhlen ...

Meine letzte Arbeit an der Kunstakademie war eine Performance, wӓhrend der ich eine meiner Installationen mit Keramik-Skulpturen zerstört habe. Mit dieser Handlung habe ich all das zerstört, was mir Angst einjagte.

Die figurativen Skulpturen gaben Professoren der Akademie wieder. Die Arbeit ӓußerte Kritik an der Bewertungspraxis von Kunstwerken.

Weil die Professoren deine Performance und nicht die Keramikarbeiten anerkennen sollten?

Ja, genau. Ich habe die Art und Weise kritisiert, in der sie einige neue Kunstformen in der Akademie ablehnten. Für diese Arbeit musste ich ein Jahr lang einen Professor suchen.

Wie ist es dir in diesem konservativen Umfeld gelungen, eine so konzeptuelle Herangehensweise zu entwickeln?

Ich habe mit dem Nationaltheater sowie anderen Theatergruppen zusammengearbeitet, zu Beginn als Bühnenbildner. Vielleicht habe ich vom Theater gelernt, wie man den Körper einsetzt. Ich habe aber auch die Arbeiten von Beuys und Abramovic unter dem Aspekt studiert, wie sie die künstlerischen Materialien ablehnten.

Wir haben damals in Gruppen gearbeitet, unsere Ideen geteilt und uns gegenseitig unterstützt. In der Zwischenzeit haben sich die Dinge geӓndert. Viele Studenten versuchen, Neuerungen herbeizuführen und Videos, Installationen etc. zu realisieren.

Ist dies eine Folge der Sozialen Medien, des leichteren Zugangs zu Informationen und / oder des „Arabischen Frühlings“?

Mittels der Sozialen Medien sind Informationen verfügbar. Wir haben auch ein Museum für Moderne Kunst in Algier. Über das Internet kann man heutzutage andere Leute direkt kontaktieren und deine Arbeiten sind auf der Netzflӓche sichtbar.

In welcher Weise nimmt dein Vorhaben einer Kunstzeitschrift auf diese Situation Bezug?

Wir möchten in Algerien prӓsent und sichtbar sein sowie jungen Kritikern und Intellektuellen eine Plattform zum Schreiben bieten. Wir möchten zeigen, was junge Künstler tun, auch wenn sie keinen Zugang zu Galerien haben. Die Kunstzeitschrift soll in Druckausgabe erscheinen, die erste für visuelle Kunst in Algerien. Wir bereiten eine französisch-arabische Fassung für Algerien und eine englisch-arabische Version für das Ausland vor. Die Zeitschrift wird kostenlos sein, da wir sonst eine Berufserlaubnis benötigen würden. Ohne diese können wir bis zu 3.000 Kopien drucken. So haben wir die Möglichkeit, außerhalb des Systems zu stehen.

Wӓhrend deines zweimonatigen Aufenthalts bei der Villa Romana in Florenz hast du intensiv an dieser Zeitschrift gearbeitet, über ihre Finanzierung nachgedacht etc. Hat die Distanz zu Algerien etwas an deiner Arbeitsweise geӓndert?

In Algerien arbeite ich als freiberuflicher Künstler und bin auch als Grafikdesigner und für das Theater tӓtig. Ich habe wenig Zeit für meine eigene Kunst und meine Projekte sowie Treffen mit anderen Leuten. In Florenz habe ich nun Zeit und bin im Kontakt mit anderen Künstlern, die hier leben. Es ist auch interessant, die konservative Situation in Florenz zu beobachten und mit Kuratoren zu sprechen. Jeder vertritt eine andere Meinung. Der eigene Horizont erweitert sich, wenn du die Dinge außerhalb deines Landes kennenlernst.