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Mittelmeer-Dialoge

2015

Mohammad Al Attar

Über Damaskus, meine ruhelose und magische Stadt

Damaskus, Stadt der Sehnsucht

Es war vielleicht 1989 oder 1990 – ich war neun oder zehn Jahre alt –, als ich auf den Wollmarkt im Schaghour-Viertel ging, das ganz in der Nähe des jüdischen Viertels von Damaskus liegt. Laut Ausweis bin ich dort geboren, stamme also aus jenem Viertel der Stadt. Meinen Großvater habe ich nie kennengelernt, denn er ist lange vor meiner Geburt gestorben, und ein altes Damaszener Haus besaßen wir in jenem Viertel nicht. Vermutlich aber war es jener Besuch gewesen, der später in mir den dringenden Wunsch nach einer Erkundung der Stadt Damaskus wecken sollte. Da ich in einer der neuen Vorstädte mit ihren Streichholzschachtelhäusern aufwuchs, war diese mysteriöse Leidenschaft, die mich gepackt hatte, vielleicht eine Art, den Verlust darüber zu kompensieren, dass ich weit entfernt vom Herzen der Stadt lebte. Also nahm ich sie auf meine ganz eigene Art in Besitz und malte mir besondere Wegstrecken und Streifzüge aus, die den Berg der Stadt mit der Altstadt verbinden. Ich war auf der Suche nach verborgenen Plätzen, zu denen ich meine Freunde mitnahm und wo ich ihnen jedes Mal glücklich halb ausgedachte Geschichten und Informationen zum Besten gab. Freilich habe ich dabei keine neuen Sehenswürdigkeiten in der Stadt entdeckt, sondern nur der Vernachlässigung ihrer Details durch die von Sorgen geplagten Menschen getrotzt. Damaskus lag angespannt unter einer Decke aus Angst und Depression, die desto schwerer lastete, je mehr dieser taube, fahle, graue Zement den Anblick der Stadt dominierte.

Mit meinen Ausflügen wollte ich, der pubertierende Junge, unbedingt das Erstaunen über die bewegte Geschichte einer Stadt wiederentdecken, in der eine Nation auf die andere gefolgt war. Überall gab es Heiligengräber, an jeder Ecke die Ruhestätte eines Walis und in jeder Straße die Erinnerung an einen König oder Prinzen. Vom vernachlässigten Grab des kleinen Muawiya – dem Enkel des Gründers des Umayyadenreiches[1] – bis hin zum vergessenen Grab von Ibn al-Asakir[2], dem großartigen Historiker und Biografen von Damaskus, mitten auf einer Seitenstraße, bis zum Grab von Khaula bint al-Azwar[3] in einem kleinen Park außerhalb der Altstadtmauer und dem Grab von al-Farabi[4] in einer vernachlässigten Ecke des Bab al-Saghir-Friedhofs. All diese Gräber und Ruhestätten waren für mich, den Jugendlichen, in Wirklichkeit nur Wegweiser oder Stationen eines kurzen Aufenthalts auf meinen Touren, auf denen ich meine Begleiter beeindrucken und ihrem Erstaunen auflauern wollte. Später sollte ich indes die Entdeckung machen, dass die vernachlässigten Grabstätten, Schulen und alten Hospitäler, die noch den alten persischen Namen Bimarestan trugen, nicht unbedingt die beste Möglichkeit waren, die Aufmerksamkeit jener Mädchen zu wecken, denen ich zugetan war. Demzufolge wählte ich als Zufluchtsort die kleine, vor den Augen verborgene Schatta-Brücke im Muhadschirin-Viertel, dessen Gassen sich den Kassjun-Berg emporwinden.

Die Brücke hatte eine magische Wirkung auf meine ersten Stelldicheins mit jenen Mädchen, die mir gefielen. Obwohl sie alle in Damaskus lebten, wussten sie nichts von der kleinen Brücke am Fuße des Berges. Sie mochte wohl verdreckt und von allen Seiten von Wohnhäusern umgeben sein, für uns aber war sie doch eine Steinbrücke, auf der wir einige Momente verweilen und uns vorstellen konnten, in Paris, Rom oder Prag zu stehen! Manchmal nutzte ich den Augenblick, während wir unter der Brücke herliefen, um von dort zum Mastaba-Viertel zu gelangen, um verstohlen die Hand meines schüchternen Mädchens zu nehmen. Das Mastaba-Viertel war nach der Steinbank, Arabisch Mastaba, benannt, die auf Geheiß des osmanischen Walis von Damaskus in einem kleinen Park erbaut worden war, damit der deutsche Kaiser Wilhelm II während seines historischen Besuchs im Jahr 1898 die Stadt Damaskus von einem erhöhten Ort aus betrachten konnte. Den Park gibt es noch immer, und bis heute heißt er Kaiserpark, doch der Name trügt, denn heutzutage handelt es sich um ein bedauernswertes ausgetrocknetes Gelände, das von den umliegenden Wohnhäusern erstickt wird. Von Mastaba aus konnten und können wir jedoch noch immer einen Teil von Damaskus und der Ghouta sehen, den die Stadt umgebenden Grüngürtel, der kurz davor ist zu verschwinden. Denn im Gegensatz zu der Stadt Damaskus, die Wilhelm II vor eineinhalb Jahrhunderten bereist hatte, war unser Damaskus fahl und grau, und über der Stadt hing eine schwarze Rauchwolke. Aber wenn das Mädchen mich anschaute und nicht die Stadt, dann war das völlig bedeutungslos.
Später sollten zwei Personen diese Liebe zu den Stadtspaziergängen und das Malen von uns eigenen Landkarten mit mir teilen: O.K. und Omar Aziz, die nur wenig gemeinsam hatten. O.K. habe ich während des Abiturs kennengelernt; wir beide haben oft die Schule geschwänzt und uns bis Schulschluss stundenlang zusammen herumgetrieben. Er stammte aus einer konservativen islamisch-religiösen Damaszener Familie, wobei es sich um jene bekannte Damaszener Art von Religiosität handelte, die eine Mischung aus Offenheit und Diplomatie war. Zwar versuchte er immer, mich zum Beten zu überreden, wurde dabei jedoch nie aufdringlich. Allerdings überreichte er mir eines Tages das Buch Wegmarken von Sayyid Qutb[5]. Ich bekam einen Schreck und nahm es nicht an. Auch wenn O.K. keinesfalls ein Muslimbruder war, versuchte er bei jeder Gelegenheit, mich auf den rechten Weg zu bringen. Seinen Versuchen war allerdings kein Erfolg beschieden, und wir streiften gemeinsam durch die vergessenen Gassen der Stadt.

Omar Aziz hingegen war dreißig Jahre älter als ich. Ich hatte ihn durch ein paar Freunde im Damaszener Theaterinstitut kennengelernt. Er war Marxist mit einer Neigung zum Anarchismus, in seinem Gebaren und seiner Garderobe bewahrte er jedoch die Traditionen der im Aussterben begriffenen Damaszener Bourgeoisie. Omar hielt mich erfolglos dazu an, Antonio Negri und Michael Hardt zu lesen. „Mensch Omar“, sagte ich immer wieder zu ihm, „ich bin ein Mann des Theaters und der Literatur.“ Er war ein wunderbarer Freund, der das Umherstreunen in der Stadt genauso liebte wie ich, und ein Gesprächspartner bei den langen Plaudereien über die verschwundenen Kinos der Stadt und über das kulturelle Leben, das seit Ende der siebziger Jahre im Rückgang begriffen war.

Das Theater: Unsere Stadt in der Stadt

Nachdem ich im Jahr 2002 an der Universität von Damaskus das Studium der englischen Literatur abgeschlossen hatte, schrieb ich mich im Hohen Institut für Theaterstudien ein. Das Institut sollte der Mittelpunkt meines Lebens werden. Es war in einem außergewöhnlichen Bauwerk untergebracht und verfügte über einen schönen Garten. Ich glaube, dass das Institut für uns wie eine isolierte Insel innerhalb einer Stadt war, über die ein kompliziertes Geflecht der Überwachung herrschte, das die leisesten Atemzüge ihrer Bewohner vermerkte. Diese Insel stellte unseren Zufluchtsort dar, obwohl alles um uns herum uns stets daran erinnerte, dass auch wir der Beobachtung unterstanden. Denn mitten im Institutsgarten stand eine seltsame Statue von Hafez al-Assad, die einem zum Sprung bereiten Matador glich! Sie befand sich genau in der Mitte der Strecke zwischen unserem Institut und dem Opernhaus, das selbstredend „Assad-Haus“ hieß. Auf der anderen Seite des Instituts erhob sich das furchterregende Gebäude des Verteidigungsministeriums. Und natürlich lungerten vor dem Eingang zum Institut die Geheimdienstler herum.

Das Treiben im Institut aber lenkten uns von all dem ab und ließ uns auch vergessen, dass eine Stadt in der Größe von Damaskus zur Jahrtausendwende nur zwei Kinosäle und zwei richtige Theater hatte; Dutzende Kinos waren vernachlässigt worden und etliche Theaterbühnen nicht in Betrieb. Unsere Ambitionen als junge Theaterleute, Musiker, Cineasten und bildende Künstler wurden dadurch indes nicht besonders beeinträchtigt. Wir wussten, dass Damaskus auch das falsche Spiel beherrschte, und dass wir in der Lage wären, den Geist der Stadt hochzuhalten, der sich dem Königreich der Angst widersetzte, hatten wir doch unsere Vorbilder, denen wir nacheiferten: Theaterleute wie Nihad Kali, Fawwaz al-Sadschir und Saadallah Wannous, Regisseure wie Omar Amiralay und Osama Mohammad und Maler wie Luay Kayali, Nadhir Nabaa, Fatih al-Mudarris und Youssef Abdelke sowie Dichter wie Mohammad al-Maghout, Mamdouh Adwan und andere.

Im Jahr 2008 ergab sich die Gelegenheit. Die Stadt würde das größte Kulturereignis in ihrer modernen Geschichte ausrichten, denn Damaskus sollte arabische Kulturhauptstadt werden. Ein Komitee von unabhängigen Intellektuellen wurde ins Leben gerufen, das die Durchführung dieses Festivals übernehmen sollte. Das war etwas für Syrien noch nie Dagewesenes. Es hieß, dass für dieses Ereignis große Ressourcen zur Verfügung gestellt würden und dass die Regierung sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, absolut nicht in die Arbeit des Komitees einmischen würde. Ich folgte der Einladung des Komitees, in dem Team mitzuarbeiten, das für das Theaterprogramm und die Darstellenden Künste verantwortlich sein sollte. Wir hatten große Träume und ambitionierte Pläne. Wir würden Peter Brook, Philipp Genty, Joseph Nadi und die Handspring Puppet Company einladen, außerdem Árpád Schilling und Fadel al-Jaayibi und andere. Am wichtigsten aber war, dass wir die vernachlässigten Theater wieder in Betrieb nehmen und alte Häuser und Werkstätten in kulturelle Räume und Galerien verwandeln wollten. Ja, unser Träume waren wirklich groß und unsere Pläne ambitioniert. Am Ende aber konnten wir nichts von alledem verwirklichen!

Das Jahr, in dem Damaskus arabische Kulturhauptstadt war, ging vorbei, und es war nichts als ein einjähriges Public-Relation-Festival gewesen. Das Regime hatte den Eindruck vermitteln wollen, die Isolierung, die nach der Ermordung von Rafik al-Hariri und dem erzwungenen Rückzug aus dem Libanon über das Land verhängt worden war, überwunden zu haben. Wir waren naiv genug gewesen zu glauben, dass man uns erlauben würde, tiefe Spuren in der Stadt zu hinterlassen und Orte und unabhängige Initiativen für die Kunst und Kultur ins Leben zu rufen. Doch Derartiges können Willkürregime nicht ertragen und nicht dulden, geht es ihnen doch nur ums Oberflächliche und rasch Vergängliche. Nur das haben sie in ihrem Sinn, der in erster Linie auf der Ausmerzung der Erinnerung basiert. Ja, Peter Brook und andere sind gekommen, haben ihr Werke aufgeführt und sind wieder abgereist. Fairuz ist gekommen und Carmen von Carlos Saura, Ziad al-Rahbani, Marcel Khalifeh und Anwar Brahim. Eine Ausstellung des Victoria and Albert Museum und andere wurden gezeigt. Aber wir haben es nicht geschafft, auch nur einen einzigen Ort wiederzubeleben! Oder irgendeine Art von Mechanismus für die zukünftige künstlerische und kulturelle Arbeit zu schaffen. Nach Ende des Jahres gingen wir auseinander, jeder von uns kehrte zu seinen individuellen Kampfplätzen zurück, um eine Kunst zu schaffen, mit der er sowohl dem schalldämpfenden Zement trotzte, welcher das Antlitz von Damaskus zerfraß, als auch der Unterdrückung und der Angst, die versuchte, die Seele der Stadt zu verschlingen.

In den letzten Jahren vor der Revolution spürte man, dass Damaskus tatsächlich austrocknete, und das Versiegen des Barada-Flusses war nur ein symbolischer Akt. Damaskus schwand mehr und mehr dahin, die Armut eroberte deutlich sichtbar die Außenbezirke, die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen dem Zentrum und dem Umland wurden immer größer, und die verarmten Ränder wuchsen. Damaskus drohte zu ersticken. Es gab ein allgemein verbreitetes, dunkles Gefühl, dass unweigerlich etwas geschehen müsse, eine Explosion, die einen Riss in der Mauer der Unterdrückung verursachte, die das Land fest im Griff hatte. Das Bedürfnis zu schreien wurde immer drängender, und dieses zu unterdrücken, hinterließ einen schmerzhaften Kloß in der Kehle.

Das Damaskus der Revolution

Am 15. März 2011 gingen ein paar junge Leute in der Nähe der Omayyaden-Moschee in Damaskus auf die Straße und forderten Freiheit und die Aufhebung des Ausnahmezustands. An jenem Tag hielt Damaskus den Atem an.

Drei Tage später kam es zur ersten Demonstration in der südsyrischen Stadt Deraa, auf der ähnliche Forderungen erhoben wurden. Und von jenem Tag an breiteten sich die friedlichen Demonstrationen, auf denen der Sturz des Regimes gefordert wurde, im ganzen Land aus.

Damaskus zögerte, sich den aufständischen Städten anzuschließen und beobachtete das marginalisierte Umland, in dem es allenthalben loderte. Die Stadt unterlag im wahrsten Sinne des Wortes einer Besatzung durch die Sicherheitskräfte, aber auch dem Kalkül ihrer Eliten, die in der Geschichte durch ihren Pragmatismus bekannt waren und immer verstanden hatten, geschickt zwischen Herrschaft und Kapital zu lavieren. Trotzdem konnte sich Damaskus unmöglich der Revolution fernhalten. In den Stadtvierteln Midan, Barzah, Rukn al-Din, Kabun und anderen kam es zu Demonstrationen, die genau wie im ganzen Land brutal unterdrückt wurden. Aber die jungen Leute skandierten zum ersten Mal in ihrem Leben Parolen, die sich von jenen unterschieden, bei denen der ewige Führer verherrlicht wurde. Sie konnten nicht wieder zurückweichen, nachdem sie ihre unterdrückten Stimmen einmal befreit hatten. Und weil es ihnen wegen der brutalen Unterdrückung nicht gelang, in der Stadt zu demonstrieren und die öffentlichen Plätze zu besetzen, ersannen sie als Antwort andere Methoden. So entwickelte sich der Protest - auch in Damaskus - zu einer neuen Kunstform. Eines Morgen etwa sahen die Bewohner der Stadt beim Aufstehen, wie die Fontänen des Brunnens auf einem der wichtigsten Plätze rotes Wasser spritzten. Die Sicherheitskräfte verloren die Nerven, sie drehten das hervorsprudelnde Wasser ab und stellten noch mehr Wachen auf. An einem anderen Tag stiegen zahlreiche Ballons in den Himmel und schwebten über der Stadt, die Aufschriften mit Aufrufen zur Freiheit und zum Sturz des Regimes trugen. Wieder an einem anderen Tag kullerten im Muhadschirin-Viertel, unweit des Tyrannen-Palastes, Tausende von Ping-Pong-Bällen den Berg hinunter, auf denen zum Sturz des Regimes aufgefordert wurde. Ich werde diesen grotesken Anblick, wie die grimmigen Sicherheitskräfte in ihren dunklen Anzügen hinter den Bällen herliefen und versuchten, sie zu packen, lange nicht vergessen. Im Afif-Viertel, neben der Grabstätte von Muhi al-Din Ibn Arabi[6], lebten in einem heruntergekommenen Haus drei junge Leute, ein Architekt, ein Musiker und ein Cutter, die in einem kleinen, mit Schaumstoffmatratzen isolierten Raum ein Lied aufnahmen, in dem sie über Baschar al-Assad und seine Schergen spotteten. Dieses Lied stellte für die Aufständischen den Auftakt dar, die Autorität des totalitären Regimes und seines halbgöttlichen Präsidenten mit Spott zu untergraben. Die drei jungen Leute, die sich die „starken Helden von Moskau“ nannten, sandten von jenem zerfallenen Haus die Hoffnung und das Lachen aus, und niemand wusste, wer sie waren.

Damaskus hatte also Freiheit geatmet – wenn auch nur ein kleines bisschen. Doch es genügte der Stadt und uns, um zu gewahren, dass die Schönheit in ihr nicht stirbt.

Die friedlichen Demonstrationen wurden immer brutaler durch das Regime unterdrückt, die Sicherheitskräfte setzten scharfe Munition ein und begingen Massaker, was Gegengewalt zur Folge hatte. Die Revolution, die im Jahr 2011 friedlich geblieben war, begann sich Anfang 2012 zu militarisieren. Es war eine unvermeidliche Reaktion auf die systematischen Gewalttaten des Regimes und die Enttäuschung darüber, dass die Welt dem syrischen Morden zuschaute.

Jetzt wird Syrien von der Gewalt zerstört. In den Berichten der internationalen Medien wird Syrien nur als Schauplatz für die Brutalität des IS erwähnt. Oder als Beschreibung einer humanitären Katastrophe, die außerhalb jedes Kontextes und jeder Geschichte stattfindet. Die Welt hat die Syrer im Stich gelassen, als sie sie der ungeheuerlichen Mordmaschinerie eines der anmaßendsten totalitären Regime der Welt überließ. Und heute lässt sie sie im Stich, wenn sie nicht ausführlich über die Ereignisse berichtet und ausklammert, dass es in Syrien tiefere Wahrheiten gibt als einfach nur das bösartige Abwägen zwischen einem religiösen Faschismus des IS und dem militärischen Faschismus des Assad-Regimes. Und wenn sie ignoriert, dass die Welt den Syrern dabei helfen muss, von beiden erlöst zu werden.

Heute ist Damaskus von Checkpoints des Geheimdienstes und des Militärs zerschnitten. Strom und Wasser sind stundenlang abgesperrt, die Preise enorm gestiegen, und die Armut in der Bevölkerung nimmt rapide zu. Damaskus schaut mit Schrecken auf ihre Schwester Aleppo und fürchtet, eine ähnliche Zerstörung zu erleiden.

Zu Beginn des Jahres 2012 habe ich O.K. und Omar Aziz zum letzten Mal getroffen. Wir hockten mit anderen Freunden zusammen, nachdem wir wegen der Unmenge von Sicherheitskräften und Regimeschergen vergeblich versucht hatten, im Midan-Viertel zu demonstrieren. Wir waren nervös, besorgt, aber nicht verzweifelt. Wir waren eine äußerst inhomogene Gruppe, doch der Traum von Freiheit hatte uns in einem Haus in Damaskus zusammengeführt.

Was von Damaskus bleibt

Am 12. März 2012 wurde O.K. vom syrischen Geheimdienst verhaftet und befindet sich bis zu diesem Zeitpunkt in Haft. Omar Aziz wurde am 20. November 2012 festgenommen. Er starb drei Monate später im Gefängnis. Ich aber bin aus Damaskus geflohen und ziehe seit jener Zeit von einem Exil ins andere. Damaskus aber wird die älteste und magischste Hauptstadt der Welt bleiben. Die Stadt wird uns alle überleben und uns als einen kleinen Teil in ihrem großartigen Gedächtnis bewahren.

Mohammad Al Attar
Syrischer Theaterschriftsteller und Dramaturg

 

Übersetzung aus dem Arabischen von Larissa Bender

[1] Muawiya ibn Abi Sufjan (602-680) war der erste Kalif der Umayyaden und Begründer dieser Dynastie, deren Hauptstadt Damaskus war.

[2] Ibn al-Asakir (1105-1175) war ein berühmte Wissenschaftler und Historiker, dessen bekanntestes Werk seine Gelehrtengeschichte von Damaskus ist.

[3] Khaula bint al-Azwar war eine der berühmtesten Frauen zur Zeit des Propheten Mohammad. Sie galt als mutige Kämpferin.

[4] Abu Nasr Muhammad al-Farabi (geboren um 872 in Otrar, Kasachstan; gestorben 950 zwischen Askalan und Damaskus, Syrien), war ein sehr berühmter muslimischer Philosoph und Gelehrter.

[5] Sayyid Qutb (1906-1966) war ein ägyptischer Journalist und Theoretiker der ägyptischen Muslimbruderschaft.

[6] Muhi al-Din Ibn Arabi (* 1165 in Murcia; + 1240 in Damaskus), war einer der bekanntesten arabischen Mystiker.