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Mittelmeer-Dialoge

2015

Eva-Maria Troelenberg

Nilabwärts, ins Land der Etrurier, zur total phantastischen Glücklichkeit

Zu jeder Jahreszahl gibt es Vorgeschichten. Kaum jemals setzen die Dinge wirklich dort ein, wo wir zu zählen beginnen. Die Villa Romana, so heißt es, sei etwa lange vor 1905 einmal vom ägyptischen Vizekönig Ismail Pascha bewohnt gewesen oder sogar besessen worden. Hat man es sich einmal vorgestellt, dann sieht man ihn schon beinahe dort sitzen, im leicht abschüssigen Garten, im Schatten der Zypresse.

Es ist jedoch, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein unter den Rahmenbedingungen großartiger Willkür wohldurchdachtes Gerücht. Die Art von Geschichte, die im Rückspiegel betrachtet immer auch ihr eigenes Gegenteil bedeuten kann. Vielleicht auch einfach: Eine mächtige Travestie.
Wahlverwandtschaften

„Wir beschlossen, tags darauf nach Kairo zu reisen, um meinen Vater Ismail Pascha, der zu dieser Zeit mit dem Bau des Suez-Kanals sehr beschäftigt war, zu bitten, eine Reise unternehmen zu lassen nach Etrurien, welches ich liebgewonnen hatte vor langer Zeit, um mit Ramsud dort das Leben einer unendlich tollen, wahnsinnig irren, total phantastischen Glücklichkeit zu verbringen. Er, mein Vater, besaß dort einen Palast in einem Märchenhain aus Bambus mit allerlei Überraschungen gespickt, und schickte sich an, in dieser Ferne die schönen Künste einer Frohnatur zu fördern.“

Diese Zeilen stammen aus einem fiktiven Reisebericht von Michael Buthe, der 1976 für zehn Monate als Preisträger der Villa Romana in Florenz arbeitete. In seiner mit Tuschzeichnungen illustrierten Erzählung konstruiert er die Wahlverwandtschaft zwischen seinem Alter Ego Saladin Ben Ismail und Ismail Pascha, dessen Regentschaft als Vizekönig in Ägypten fast genau ein Jahrhundert zuvor zu Ende gegangen war. Nicht nur auf einer Zeitachse lässt sich diese freimütige Raum-Zeit-Verschränkung durch den Hinweis auf den Bau des Suez-Kanals, der 1869 eröffnet wurde, zunächst vermeintlich genau verankern. Auch die geographischen und räumlichen Koordinaten scheinen eindeutig: Von Alexandria aus führt die Reise den Erzähler und seinen Begleiter und Geliebten Ramsud übers Meer vorbei an Korfu, Kreta und Athen schließlich nach Ostia. Über Land geht es weiter von Rom nach Florenz:

„Die Villa des Ismail Pascha lag etwas außerhalb, auf dem Weg nach Siena. So gelangten wir über die Ponte Santa Trinita, welche die eleganteste Brücke der Welt sein soll, zur Porta Romana, welche durch Fackeln erleuchtet wurde, zur Via Senese, um dort einzukehren in die Villa, diesen Palast Ismail Paschas, der uns beherbergen sollte für die nächsten Monate, um unserer Wanderschaft ein vorläufiges Ende zu setzen. Die Flagge des doppelten Löwen mit der Sonne wurde gehißt, das Glück zu beschwören.“

Ob der historische Ismail Pascha, dessen Regentschaft in Ägypten als Zeit der Reformen und Erneuerung, aber auch der ökonomischen Turbulenzen interpretiert wird, wirklich jemals einen Fuß in die Villa an der Via Senese setzte, wissen wir bislang nicht. Tatsächlich lebte er zwischen seiner Abdankung 1879 und seinem Tod 1895 einige Zeit in Italien und bewohnte wohl auch in Florenz unterschiedliche Häuser, für kurze Zeit besaß er während der 1880er Jahre den Palazzo Scala-della Gherardesca.
Ist Buthes Reisegeschichte, mit großer poetischer Lizenz inspiriert von einer halb vergessenen Florentiner Anekdote, also nur eine weitere unter den zahllosen, bis heute gepflegten Varianten der Grand Tour? Eine eigentlich konservative Standardübung moderner künstlerischer Biografieoptimierung, konzeptionell übersetzt in ein expressives Wort- und Gedankenspiel? Alles in allem einfach noch eine orientalische Phantasie, eine geradezu prototypische Projektionsfläche für die Suche nach einem anderswo möglicherweise nicht artikulierbaren Glück?

© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Vielleicht – aber es ist eine Phantasie mit mehrläufigem Hintersinn. Mindestens ein Kunstgriff ist die umgekehrte Richtung der Reise, die vom ‚Orient‘ nach Italien und trotzdem nicht nach Hause führt, sondern fort von der imaginären Vatergestalt Ismail Pascha. Eingeführt als Erbauer des Suez-Kanals, mithin also Akteur einer Epochenschwelle der rationalen, technisierten Moderne, bildet er das moderne Widerlager zur Reisebewegung des Erzählers. Dieser bewegt sich im Gegenzug hin zu einer immer zweckfreier werdenden, wiederholt emphatisch beschworenen ‚Glücklichkeit‘ . Effektiv wird damit jede teleologische Zweckrichtung außer Kraft gesetzt – die Perspektive geht weit über eine bloße historisierende Verfremdung oder Maskerade hinaus.

„Die Renaissance war ausgebrochen“

Es öffnen sich mit dieser Reise nicht nur zwei, sondern unzählige Zeitebenen – ein Effekt, der sich durch das kontinuierliche Anschwellen des Begleittrosses unterwegs permanent erneuert und multipliziert: „Es ist schon toll, wie diese Jahrtausende da zusammenkommen.“ Es wird Coca Cola getrunken, und den Soundtrack liefern Simon & Garfunkel, aber entlang des Weges findet das Personal der Weltgeschichte sich ein, von Hermes bis Napoleon, von Kleopatra bis Marylin und Mae West. Im Hafen von Ostia wartet inmitten „dreimillionen Kardinäle[n]“ Lucretia Borgia und erbietet sich, die Reiseleitung bis Florenz zu übernehmen. Die ganze Zeit über wird flamboyant geflirtet, gepaart und gefeiert, bevor alles in eine große Florentinische Travestie mündet:

„Florenz war schöner denn je, Santo Spirito hatte sein tägliches Fest der Transvestiten, die einherstolzierten, rosa Flamingos an zierlichen Leinen haltend, die glühenden Augen der Männer aufsaugend. Ramsud, Lukretia, Cesare Borgia, Savonarola, Cosimo di Medici und der kleine Strozzi, wir alle saßen in einem brillantenen Schlitten…“.

Nicht zufällig hat die emphatisch gestimmte Reisegesellschaft der Widergänger übrigens Florenz mit einer apodiktischen, ganz und gar affirmativ gemeinten Feststellung betreten: „Die Renaissance war ausgebrochen“. Es muss eine Renaissance im breitesten, freiesten und großzügigsten Sinn gewesen sein, die Neuerfindung eines großen, alles umkehrenden und zugleich eines naiven, persönlichen Kosmos.

Am Ende ist aus dem Gerücht eine Ahnung von der Legitimität des Glücks als Zweck und Movens geworden. Es ist damit, auch von heute aus gesehen - eine mediterrane Utopie.

Alle Zitate und die Abbildung stammen aus:


© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Fotos: Albert Coers

Literatur:
Marco Ferri: Four Seasons di Firenze: un altro prossessore arabo.
http://www.marcoferri.info/2013/04/14/four-seasons-di-firenze-hamad-bin-khalifa-al-thani-non-e-il-primo-arabo-che-lo-possiede/ [10.06.2015]

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH Bonn (Hrsg.): Villa Romana. Gegenwart eines Künstlerhauses, Bonn Florenz 2013

Gerda Wendermann: Spurensuche im Florenz der siebziger Jahre, in: Ein Arkadien der Moderne? 100 Jahre Künstlerhaus Villa in Florenz, Berlin 2005

Eva-Maria Troelenberg ist Kunsthistorikerin. Seit 2011 leitet sie die Max-Planck-Forschungsgruppe „Objects in the Contact Zone – The Cross-Cultural Lives of Things“ am Kunsthistorischen Institut Florenz – Max Planck Institut. Im März 2015 organisierte sie in Florenz gemeinsam mit der Villa-Romana-Preisträgerin Mariechen Danz und Angelika Stepken das wissenschaftlich-künstlerische Symposium „Unmapping the Renaissance“.