VILLA ROMANA - HOME
VILLA ROMANA - HOME

Mittelmeer-Dialoge

2016

Renate Anna Menzel

Innerste Räume

Renate Anna Menzel – Sammlerin und Galeristin in Wien - im Gespräch mit Angelika Stepken anlässlich der Ausstellung:
Der Bakhnoug, ein gewebtes Buch, Kuratiert von Paul Vandenbroeck


Die Webkultur der Berberfrauen im südlichen Tunesien ist eine in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts offenbar ausgestorbene Tradition. Es gibt keine fotografischen Dokumente dieser Lebenspraxis, die wenigen erhaltenen Textilien haben kaum Eingang in westliche museale Sammlungen gefunden und die tunesische Geschichtsschreibung fokussierte sich nach der Unabhängigkeit eher auf Musealisierungsstrategien, die die städtische Kultur in den Vordergrund stellten. Wie haben diese Textilien vor gut 20 Jahren Deine Aufmerksamkeit gefunden und wie sah Deine Recherche nach den Objekten und ihrem Kontext dann aus?

Die Webkultur ist nicht auf den Süden Tunesiens beschränkt, gewebt haben die Frauen natürlich im ganzen Land – auch wenn diese bemerkenswerten Bekleidungsweben, wie wir sie hier gerade ausstellen, nur aus Zentral- und Südtunesien, bzw. dem angrenzenden Libyen bekannt sind. Das hat bei mir auch immer schon die Frage aufgeworfen, warum das so ist. Denn im Norden des Landes gibt es sehr wohl bekannt die Töpferei der Frauen, die demselben kulturellen Hintergrund entstammt und im angrenzenden Algerien kennt man aus dem Norden, der Kabylei, auch eine ganz diffizil hochentwickelte alte Webtradition. Also warum gibt es keine Tücher aus der Bergregion im Norden Tunesiens? Darauf habe ich bislang keine Antwort gefunden.
Ich würde nicht sagen, dass die Tradition bereits vollkommen ausgestorben ist, aber sie ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts weitestgehend ausgestorben. Die Mädchen besuchen ja seit dieser Zeit die Schule und die langwierige Initiation in eine komplexe Arbeit wie es die Weberei ist hat damit keinen Platz mehr. Die Frauen im ländlichen Raum tragen noch vielfach gewickelte Kleidung, von Fibeln gehalten, aber das sind keine Wollweben mehr, das sind Stoffe meist aus billigem, industriell gefertigtem Material. Wolle, das „segensreiche“ Material, das Lebensbasis der Region war, ist selten geworden. Ich weiß nicht, wie viele Wollschafe es heute noch gibt. Der ländliche Raum darbt, die Desertifikation nimmt infolge des Klimawandels immer mehr zu und Importe von Billigwaren aus China überfluten die Märkte.
Heute weben die Frauen nur noch einfachere Dinge wie Decken oder für die Touristenmärkte - alles nach Norm, wie es das Office d’Artisant bzw. der Handel vorgibt. Das Weben in der Tradition kannte ja keinen Markt, es war ja nicht für den Verkauf bestimmt, das stammte aus der Sphäre des Rituellen und des nützlich Nährenden, der Obsorge und der Liebe.
Heute geht es um normierte „Qualität“ und das hat mit Kultur und Leben nichts zu tun. Aktuell versucht man z.B. eine bessere Verkaufbarkeit zu schaffen, indem man (westliche) Künstlerinnen und Designerinnen zur Beratung beizieht, um einen vom Westen geforderten „Geschmack“ besser zu treffen oder die Frauen z.B. Bilder von Klee nachweben lässt. Es ist mir bewusst, dass es um Familieneinkommen geht, das die Frauen heute erzielen müssen, aber dennoch bezeugt diese geschmackliche Gängelung ein koloniales Machtgefälle, alles steht unter der Prämisse der westlichen Leitkultur.
Natürlich ist auch die Ethnologie hervorgegangen aus einem kolonialen Machtanspruch und war weitgehend in diesem Dienst, dennoch bedeuten deren Dokumentationen unser Wissen um dieses Leben, das sich ja nur oral von Generation zu Generation weitergetragen hat. In diesen weiblichen Bereich ist in Tunesien und Libyen kein Ethnologe vorgedrungen. Es gibt kein (kaum) photographisches Material von Frauen in ihren Trachten, dafür waren Studioaufnahmen von halbnackten „Wilden“ sehr beliebt.
Die Institutionen und Archive des Landes wissen kaum etwas dazu. Es war ländliche Volkskultur und im Prozess der Transformation des Landes in das System eines globalen Wirtschaftens erschien dieses Dasein den westlich orientierten Eliten nichts wert. Man hat die Traditionen, die dieser Ausrichtung entgegenstanden, zerschlagen, die Menschen sollten modern sein.
Angesichts der Schönheit und Erhabenheit der Dinge, die diesem Leben entstammen und der Verelendung, die sich in den ländlichen Gebieten heute breitmacht, mit all dem überwuchernden Konsummüll, der die Landstriche überzieht, sehe ich nur Gebrochenheit und Verlust- wie überall auf der Welt.
Meine Beziehung zu Nordafrika habe ich einem Freund zu verdanken, der mich Ende der 70er Jahre auf eine Reise in das Land seiner Sehnsucht, nach Marokko mitgenommen hat. Ich bin danach immer wiedergekehrt, vor allem, weil ich eine enge Beziehung zu Menschen dort gefunden habe und ich in deren Lebenswelt einbezogen war und bin, in ein sehr einfaches Leben, das mit seinem Lebensrhythmus und Improvisationsvermögen für mich so beeindruckend lebendig war. Durch einen anderen Freund bin ich dann nach Tunesien gekommen und dies war doch eine sehr andere Begegnung. Hier erschien zunächst alles viel westlicher, viel moderner, viel kälter. Die Images der Maghrebländer sind sehr verschieden, für das schillernde, geheimnisvolle Königreich Marokko interessiert sich heftig die Tourismusindustrie und Tunesien steht nach dem sogenannten „arabischen Frühling“ mehr denn je für einen Weg, den man als Transformation bezeichnet, für den Übergang und die enge Andockung und Eingliederung in die westlich-kapitalistische Weltordnung.
Tunesien ist für mich total spannend geworden, als ich bei einem Händler vor den ersten Webstücken stand, denn die haben in ihrer erstaunlichen Präsenz eine ganz andere Sicht auf das Land geboten und das hat mich brennend zu interessieren begonnen. Wie gibt es das, dass die Welt diese Dinge nicht einmal kennt, diese Schönheit nie wahrgenommen hat? Das war mein erster Gedanke und ich habe über diese Weben in all den Jahren viele Fragen über den gesamten Zustand und die Entwicklung auf unserem Planeten gestellt. Auch in Tunesien habe ich familiären Anschluss gefunden und diese langjährigen Kontakte zu Menschen in den Dörfern, sind weitgehend die Basis für mein Wissen zu den Dingen. Der Kontakt zu den Menschen mit all ihren Problemen und Entwurzelungen war für mich der stärkste Motor für mein Interesse. Man fasst diese Verelendung kaum, wenn man diese einstige stolze, erhabene Volkskultur kennt und sieht wohin das moderne Leben die Menschen geführt hat.
Ich bin dabei akribisch jeder Spur nachgegangen. Von keiner Ausbildung oder Institution legitimiert war der Zutritt gerade im institutionellen Bereich dabei mehr als schwierig. Für so etwas wie Feldforschung war das Gebiet zu groß und Mittel und Zeit auch nie gegeben. Dennoch hat die Aneinanderreihung einer großen Anzahl von Stücken, das Vergleichen von Provenienzangaben mir letztlich Überblick über diese Textilien verschafft. Dabei hat sich die Sammlung aus verschiedenen Quellen aufgebaut, eben aus diesen Kontakten vor Ort, Zuträgern aus dem lokalen Handel, aber auch aus frühen Sammlungen im Westen.
Irgendwie begreife ich es als meine Aufgabe, diese Schönheiten - mit all ihren anhaftenden Einschreibungen - der Welt sicht- und begreifbar zu machen. Wir brauchen diese Ansicht.

Die Bakhnougs, die wir gerade in der Villa Romana ausstellen, kommen aus Deiner Sammlung und der von Paul Vandenbroeck in Antwerpen. Es sind gewebte Tücher aus Wolle und Baumwolle, in Indigo und Henna gefärbt, die von den Frauen als Umhänge – wie ein Mantel - getragen wurden. Du hast in einem Text einmal geschrieben, dass sich offenbar dieser innerste Raum der Frau dem Blick von außen widersetzte. Paul sagt in seinem Interview in unserer Ausstellung, dass auch die europäische Moderne offenbar zurückschreckte vor der hohen, fast chaotischen Komplexität der äußerst reduzierten Ornamentik dieser Webereien. Kannst Du die Zeichensprache der Bakhnougs, die einem magischen, geschlossenen Weltbild entstammt, entschlüsseln?

Nein, kann ich nicht und ich bin auch nicht der Meinung, dass man bei allem nach Entschlüsselung trachten sollte. Das würde eine magisch konnotierte Zeichensetzung gar nicht zulassen. Ich mag ein Zitat von Albert Einstein sehr gern, das sagt: das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.
Und das sollte ja Kunst sein, etwas das hinausträgt, das Pforten öffnet, auch wenn dabei nicht alles zur Gänze erfassbar ist. Meiner Ansicht nach geht es um Berührung, um Berührtwerden. Ein Wissen um das Weltbild dieses Daseins ist natürlich ein Hintergrund, der vieles in seiner kulturellen Einbindung erklärt, aber Berührung funktioniert anders, die lässt sich nicht so leicht erklären.
Für mich strahlen die Tücher eine unglaubliche Ruhe aus, etwas sehr Kontemplatives, stark Sakrales. Das hat nichts mit Religion zu tun, außer dass es eben bedeutsame Dinge waren, die mit viel Sorgfalt, Geduld und Liebe und begleitet von Ritualen entstanden sind. Allein die Zeit, die darin ruht, stellt eine große Qualität dar. Wie viel an Gedanken ist in so ein Webstück eingeflossen, mit jedem Einlegen des gesponnenen Fadens.
Mein Bild vom „innersten Raum“ entstammt der Sichtung einer Textilgruppe aus dem Bergland des Südens, dem Jebel Demmer. Die Tücher der Frauen aus dem Dorf Chenini hatten Webmuster in einer schmalen Rahmensetzung um ein offenes, leeres Feld. Man meint, Mark Rothko und die anderen Vertreter der Farbfeldmalerei müssten diesen Tüchern der Chenini Frauen begegnet sein. Jedenfalls gibt es da eine große Gemeinsamkeit im atmosphärischen Ausdruck.
Aber ich sehe in jedem der Tücher so etwas wie den „innersten Raum“ einer Frau, in jedem Tuch begegnet man der ganz eigenen körperlich geistigen Verfasstheit der Weberin. Vor allem in den Tüchern, deren Zeichensetzung aus „Unzeichen“ besteht, wird dies sehr deutlich. Dieser „spontane“ Stil bricht jede „folkloristische“ Konvention, dies sind Aspekte, die frühe Sammler übersehen haben, das erschien ihnen viel zu chaotisch und nichtssagend. Heute interessiert uns das umso mehr.

Die Zeichensprache dieser Tücher ist grafisch, geometrisch, fast tektonisch, nur in die Mittelachse (Wirbelsäule) und die Ränder werden Ornamente gewebt. Kein Tuch gleicht im Detail dem anderen. Welche Ausdruckskraft kam der einzelnen Weberin zu? Was kommt in diesen Webereien zum Ausdruck? Wie ist der Bezug zwischen Körper und Abstraktion zu verstehen?

Kein Tuch gleicht dem anderen, dies wird umso deutlicher, je mehr man den Blick auf gemeinsame Herkunft lenkt, auf die Tracht, die Übereinkunft eines Dorfs, eines Stammes. Mich hat genau dieses Interesse angetrieben: eines neben das andere zu reihen, eine Serie von Tüchern aus einer Gruppe zu bilden und dabei diese unglaublich starke Individualität der Frauen in diesem traditionellen Leben zu überblicken. Die ergibt sich ja nicht nur über die Verwendung der Zeichen, das beginnt schon bei der Größe und Form des Tuchs, seiner Gestalt. Sie weist ja die Körpergröße der Frau aus.
Es gibt wenige Textilien in den Kulturen der Welt, die so offen den Blick auf die sensitive Qualität von Textur freigeben wie die minimalistisch gestalteten Bekleidungsweben der tunesisch-libyschen Frauen. Das Kreuzen von Kette und Schuss, die Metaphorik des Verbindens, wird hier sinnlich erfahrbar. „Jeder Faden hat eine Seele“, besagt ein tunesisches Sprichwort, und man erahnt in den Tüchern tatsächlich schon über den gesponnen Faden so etwas wie das Wesen der Frau dahinter. Es gibt Tücher, die gerade in ihrer Grobheit ihre Kraft und Ästhetik entfalten.
Auch das Tragen ist in die Textur eingeschrieben, Tragespuren können viel erzählen, die Wolltextur kann wunderbar lappig sein oder noch fast ungetragen steif. Man kann an den Weben ablesen wie geschätzt z.B. das Stück der Großmutter im Familienband war, eine sorgfältige Aufbewahrung zeugt davon. In vielen Tüchern ist noch der Geruch der Frau, ihre Parfümierungen mit Pflanzenstoffen verströmen noch heute.
Für mich strahlen diese Wolltücher eine starke Würde aus. Sie entstammen einem einfachen, existenziellen Leben, das eingebettet in den Zyklus der Natur war. Die abstrakten Zeichen reichen in die Frühgeschichte der Menschheit zurück, sie sind auf Fundstücken, in Felsritzungen belegbar und in allen Artefakten der Berber zu finden, auch in den Schnitzereien und anderen Arbeiten der Männer.
Diese abstrakten Zeichen zeigen sich in den Körpertätowierungen und schreiben sich in den Tüchern, der Bekleidung, der „zweiten Haut“ fort. Ein enger Körperbezug zeigt sich auch in der Zeichenarchitektur der Tücher mit der starken Betonung vom Scheitel entlang der Wirbelsäule, dem Zentrum unseres Nervensystems, der Lebensachse, die Stärkung und Schutz bedarf.

Du hast die Publikationen von Makilam mit nach Florenz gebracht, einer in Deutschland lebenden Ethnologin, die noch familiären Zugang zu den Praktiken der Berberfrauen hatte. Sie beschreibt sehr detailliert die magischen Rituale, denen das Töpfern und Färben der Frauen folgte. Du selbst hast – inspiriert von der Beschäftigung mit der entlegenen Dorf-Kultur der Berber-Frauen und ihren Traditionen – Dein Augenmerk inzwischen auch auf ländliche Traditionen in Europa gelenkt. Was interessiert Dich daran?

Es wird einem im Umgang mit den Dingen einfach klar, was unsere hochindustrielle Entwicklung mit ihren Verheißungen für ein besseres Lebens alles nicht erfüllt, sondern zerstört hat. Den Menschen ist die Beziehung zum Lebendigen abhandengekommen. Der Glaube an die potente Unterwerfung der Natur hat uns an den Rand des Untergangs geführt. Die Vernichtung des ländlichen Daseins findet überall in der Welt statt, auch in Europa. Heute leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land, in den gigantischen Megastädten erfährt man schon heute, wie es sich anfühlt, nicht mehr frei atmen zu können.
Was bedeutet der Begriff „Tradition“ in unserem Leben? Warum ist er in unserer Generation so negativ behaftet wie der der Volks-Kultur? Gerade in einer Zeit der Angst vor vermeintlich „Fremden“ sollte man fähig sein aus eigenen Traditionen auch die Traditionen anderer zu verstehen und dabei zu sehen, dass es die Vielfalt in einem Gemeinsamen braucht.
Ich sehe nie das exotisch Andere, sondern immer das eigene weit früher Verlorene. Bei uns muss man einfach noch viel tiefer graben. Aber es finden sich überall auf der Welt in den tiefen Schichten Artefakte, deren Zeichensetzung sich absolut ähnelt. 

Du recherchierst, sammelst und bewahrst die materiellen Artefakte der Berberfrauen. Aber Du betreibst in Wien auch eine Galerie für Teppiche und Textilien nordafrikanischer Stammesgruppen, tribalen Schmuck und völkerkundliche Objekte. Wie arbeitest Du in diesem Spagat zwischen post-kolonialer Bewertung und Platzierung von Objekten einer untergegangenen Kultur und Deinem Interesse nach „Gerechtigkeit“?

Das ist ein Spagat, ja und nein. Der Galeriebetrieb und damit eingeschlossen der Verkauf ist meine einzige Lebensgrundlage, darüber habe ich ohne jegliche institutionelle Zuwendung das ganze Projekt finanziert. Und es ist nie leicht gewesen. Ich habe die Dinge nie mit den Attributen einer zeitgeistigen Vermarktung versehen, sondern sie in ihrem Geist zu vermitteln versucht. Dazu gibt es in einer Stadt, die seit vielen Jahren nicht mal mehr ihr ethnografisches Museum öffnet, viel zu erklären. Es gibt nicht viel Klientel, die das so versteht und auch noch die Mittel dafür aufzubringen vermag. Ich stehe mit den Dingen und diesem Galerie-Ort seit mehr als 20 Jahren in der Öffentlichkeit und habe immens viele Gespräche geführt. Manchmal komme ich mir wie eine Predigerin vor. Vieles gelingt mir über die Dinge zu vermitteln, und ein Nachdenken über „Gerechtigkeit“ ist dabei eingeschlossen.