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Interviews

2016

Fide Dayo

Fide Dayo, nigerianischer Filmemacher in Rom, im Gespräch mit Angelika Stepken.


Fragen

Dayo, du hast uns die großartige Möglichkeit gegeben, Ddeinen neuen Spielfilm „Minister“ in der Villa Romana zu präsentieren noch bevor er in die Kinos kam. Der Film setzt sich – wie schon „Ben Kross“ aus dem Jahr 2011 – mit der Realität afrikanischer Migranten in Italien auseinander: mit ihren Erwartungen, ihrem Alltagsleben, ihrer Begegnung mit Rassismus und Bürokratie. „Ben Kross” wurde 2012 im Rahmen der African Movie Academy Awards in der Kategorie ‚Bester Film eines im Ausland lebenden Regisseurs‘ nominiert. Für einen nigerianischen Filmemacher ist es sicher nicht das einfachste Thema, um sich auf dem europäischen Filmmarkt zu etablieren. Im Gegenteil, es erfordert Mut und ist – auch wirtschaftlich - riskant. Wie kamst Du dazu, Deine Filme dem Leben afrikanischer Menschen in Italien zu widmen? Wer unterstützt deine Filmproduktionen ?

Deine beiden neuen Filme sind nicht dokumentarisch, sondern Spielfilme. Und ihre Art, die Fiktion zu strukturieren – den Handlungsverlauf, die Drehorte etc. – weicht ein kleines bisschen ab von der europäisch-amerikanischen Konvention, Filmzeit zu berarbeiten. Es gibt in Deinen Filme gewisse Sprünge und Auslassungen, die nicht der Linearität von Zeit folgen. Kannst Du uns etwas erzählen über diesen Unterschied in der Auseinandersetzung mit Zeit, Narration und Film als Medium? Auf welche Tradition des Filmemachens nimmst Du Bezug?

Du hast kürzlich erwähnt, dass etwa 8.000 Nigerianer und viele tausend Menschen aus anderen afrikanischen Ländern in der Toskana leben. Eine Realität, die nahezu keine öffentliche Stimme findet, obwohl – wie Du sagst - fast jede Community ihre eigenen Verbände hat und du selbst der Präsident des nigerianischen Vereins bist. Was machen diese Vereinigungen, was unterstützen, was organisieren sie ? Warum ist es so schwer, im florentinischen oder italienischen Kontext Sichtbarkeit zu finden?

Jeden Tag überqueren Flüchtlinge aus Afrika die riskante Mittelmeerroute, um in Europa ihr Glück zu suchen. Wie empfangen die afrikanischen Einwohner in der Toskana diese Flüchlinge? Können sie helfen? Du erwähntest vor kurzem, dass Du einen YouTube-Kanal aufbaust für die schwarze Bevölkerung in Italien.

Du bist vor vielen Jahren zum Architekturstudium nach Italien gekommen. Danach bist Du zum Film gewechselt. Warum? Hattest Du Pläne, nach Deinem Studium nach Nigeria zurückzukehren? Inzwischen hast Du Dich mit Deiner Produktionsfirma in Rom niedergelassen. Deine Tochter kam in Italien auf die Welt. Was rätst Du jungen Leuten, die gerade in Italien angekommen sind?

Antworten

Meine Entscheidung, den Film „Minister“ in der Villa Romana zu zeigen, hatte mit der Geschichte hinter der Villa selbst zun tun, dass sie nämlich seit 1905 das Geschenk eines großen Künstlers, ein Haus für Künstler ist.

Für einen Filmemacher, insbesondere einen unabhängigen Filmemacher wie mich, ist es eines der schwierigsten Themen überhaupt, sich mit gesellschaftlichen Problemen zu konfrontieren. Wenn ich ehrlich bin, ist „Ben Kross“ heute ein ganz normaler europäischer Bürger. Als ich 2010 das Drehbuch geschrieben habe, wurde in Italien die Rente nach 35 Beitragsjahren ausgezahlt. Der Film war als Kritik an einem Gesetz gedacht, das sich gegen die Rentenbeiträge der Migranten richtet.

Ich glaube, dass mehr als 60% der immigrierten Arbeiter nicht 35 Beitragsjahre erreichen, was bedeutet, dass sie alle ihre Rentenbeiträge an den Staat verlieren. Die meisten afrikanischen Länder haben keine bilateralen Abkommen mit Italien bezüglich der Rentenbeiträge von Migranten abgeschlossen. Daher erhalten diese keinerlei Unterstützung. Und aus diesem Grund können wir nicht einmal unsere Stimme erheben und Gerechtigkeit einfordern. Bei diesem Thema geht es um viel Geld und es geht um Ungerechtigkeit.

Wenn wir heute - sechs Jahre nachdem ich das Drehbuch für „Ben Kross“ geschrieben habe - einen Blick auf das europäische Rentensystem werfen, fällt auf, dass in Italien die Pflichtjahre in der Rentenversicherung auf 42 Jahre angestiegen sind. In den meisten anderen europäischen Ländern sind die Pflichtjahre genauso hoch, wenn nicht höher. Die heutige Generation ist besorgt. Die meisten Arbeiter haben Angst, da es nur noch wenige feste Jobs gibt. Meine Vision von dem migrierten Arbeiter „Ben Kross“, auf der der Film basiert, ist heutzutage Wirklichkeit.

Es ist absolut richtig, wenn Du sagst, dass meine Filme keinen einfachen Zugang zum , europäischen Markt finden werden. Gehen wir aber von der folgenden Überlegung aus: In Europa leben mehr als acht Millionen afrikanische Migranten, über vier Millionen Nigerianer sind über Europa und etwa fünfzehn Millionen Nigerianer über die ganze Welt verstreut. Wenn nur 10% von ihnen meine Filme, die Filme der anderen afrikanischen Filmemacher in der Diaspora oder Filme aus Afrika anschauen würden, wäre schon viel gewonnen.

Wie Du richtig sagst, näheren sich meine Geschichten dem Lebensalltag und den Problemen der Migranten in der Diaspora an. Eigentlich sollten sie sich von meinen Filmen besonders angesprochen fühlen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Den Filmpremieren wohnen stets mehr Europäer als Afrikaner bei. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass wir diese Schranken überwinden und unsere Filme weltweit vermarkten können.

Ich war gerade in Athen, wo ich meinen neuen Film „Minister“ im Rahmen des von der ‚Nigerians in Diaspora Organisation EuropeÄ (NIDOE) organisierten Nigeria – Greece Business Summits bei der Athener Industrie- und Handelskammer vorgestellt habe.

Du kannst es mir glauben, es waren Repräsentanten aus vierzehn europäischen Ländern anwesend. Ich war eine großartige Gelegenheit, mit Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen in Kontakt zu kommen, die nun die Botschaft meines Films in ihre Länder vermitteln.

Es ist kein leichtes Unterfangen, einen Film zu realisieren. Wichtig ist es, zu wissen, was man wirklich will, und die Schwierigkeiten zu meistern, die vor einem liegen, so als wäre man der Held in seinem eigenen Film. Ich betrachte mich selbst als einen glücklichen Migranten, der zum Studium mit einem Regierungsstipendium nach Italien kam, als in meinem Land noch „die guten alten Zeiten“ herrschten.

Heute sehe ich leblose Körper über das Mittelmeer treiben. Die meisten Flüchtlinge stammen aus meinem Heimatland. Auch wenn Einige überleben, sehen sie sich schnell Rassismus etc. ausgesetzt. Die afrikanischen Länder sind offen für Ausländer, die zu ihnen kommen und ihre Infrastruktur weiterentwickeln. Afrikaner hingegen werden jenseits ihrer Ländergrenzen als Bedrohung empfunden.

Ich lebe schon so lange in Europa und habe die ganze Welt bereist. Mit meinen gesellschaftskritischen Filmen möchte ich ein weltweites Publikum dafür sensibilisieren, dass ein afrikanischer Migrant keine Bedrohung für niemanden darstellt. Im Gegenteil, er ist jemand, der seiner Rechte beraubt wurde. Meine beiden Spielfilme befassen sich mit den Afrikanern, die sich bereits in das System hier integriert haben, die ihren wirtschaftlichen Beitrag leisten. Wie kann also ein afrikanischer Migrant eine Bedrohung darstellen?

Meine zwei Filme wurden unabhängig produziert. Als mir während eines anderen Interviews dieselbe Frage gestellt wurde, habe ich geantwortet, dass wir kein Geld von Finanz- oder Regierungseinrichtungen erhalten haben. Ich bin der alleinige Produzent von „Ben Kross“. Es handelt sich um einen Low-Budget-Film. Ich habe nicht nur mehrere Rollen übernommen, darunter die Hauptrolle, sondern war auch Drehbuchautor, Regisseur und Filmkomponist. Mein besonderer Dank richtet sich an alle Volontäre, die dem Film zum Erfolg verholfen haben.

Der Film „Minister“ ist ein anderer Fall. Das Budget war relativ hoch, da ich professionelle Darsteller und Mitarbeiter benötigte. Ich habe jedoch immer versucht, die Kosten niedrig zu halten. Für diesen Film habe ich die Hauptprotagonistin als Koproduzentin hinzugezogen. Aufgabe eines Produzenten ist es, Gelder zu verteilen, um einen Film ohne Risiko zu machen. Meiner Meinung nach sind meine Filme zu politisch, was für einen Produzenten von Nachteil ist. Daher habe ich bisher alle meine Filme erfolgreich mit eigenem Geld produziert. Vielleicht ändere ich in meinem nächsten Film die Erzählperspektive, wer weiß. Jetzt aber freuen wir uns erst einmal auf den offiziellen Kinostart von „Minister“.

In „Minister“ habe ich ein soziales Thema in die Erzählstruktur integriert. Diesem Erzählschema zufolge spielen sich mehrere Handlungsstränge innerhalb des zeitlichen und örtlichen Rahmens ab.

Ja, ich verstehe Deine Beobachtung: der Handlungsablauf des Films weist Sprünge auf, die keiner zeitlichen Logik folgen. Aufgrund des Inhalts der Geschichte habe ich den Film temporeich gestaltet, um die Zuschauer nicht zu langweilen. Spannung und Gewalt erinnern mich hier an den Film „Der Pate“, der ebenfalls soziale Aspekte beleuchtet, auch wenn er vom Inhalt her komplett anders ist.

Weisst Du, die meisten der Tausenden von Afrikanern, die in der Toskana leben, verbringen ihre Zeit lieber in ihren verschiedenen Communities. Wir müssen uns eingestehen, dass wir Afrikaner nur nützlich sind, um für öffentliche Kundgebungen herzuhalten. Wir haben keine Stimme in der lokalen oder regionalen toskanischen Regierung. Unser größtes Problem ist es, dass wir Schwarzen den Weißen die Schuld an unserer Situation geben. Ich glaube aber, dass wir allmählich verstehen, welchen Einfluss unsere Einheit nehmen kann.

Die Afrikaner können in der Öffentlichkeit nicht sichtbar werden, da der afrikanische Markt als Bezugspunkt vor vielen Jahren geschlossen wurde. Es ist schon schwer genug, einen öffentlichen Raum zu finden, in dem die Vereinigungen oder Gemeinschaften ihre Treffen abhalten können.

Lass`Dir aus eigener Erfahrung gesagt sein: 2013 habe ich das Filmfestival „African Diaspora Cinema Festival“ gegründet, das von der Region Toskana gefördert und finanziert wurde. Die erste Ausgabe war ein großer Erfolg. Meine Vision von Integration mittels eines afrikanischen Filmfestivals in der Toskana starb dann, eine Schande nach dem Erfolg der ersten Ausgabe. Jetzt verstehst Du vielleicht besser, warum die Schwarzen in der Region nicht mehr sichtbar sind.

Ich denke, dass der Exodus aus Afrika schon bald zum Stillstand kommen wird. Für die Flüchtlinge, die nach Italien oder in andere Teile des euoropäischen Kontinents gelangen, ist Europa nicht mehr gleichbedeutend mit Glück. In unserer Gemeinschaft versuchen wir, Flüchlingen zu helfen und ihnen beizustehen. Insbesondere empfehlen wir ihnen, die Schule zu besuchen und die italienische Sprache sowie einen Beruf zu erlernen.

Ich habe mich schließlich dafür entschieden, den Internet-TV-Sender „DAT Channel“ ins Leben zu rufen. Ich glaube, dass er sehr gute Möglichkeiten bietet. Mein Interesse als Gründer ist es, einen Sender zu sehen, in dem die Schwarzen eine Stimme haben.

Mein vorrangiges Ziel war es, nach meinem Architekturstudium in meine Heimat zurückzukehren. Dasselbe gilt für viele Nigerianer, die zusammen mit mir in Florenz studiert haben. Nach meinem Uni-Abschluss begann Nigeria aber aus Instabilität auseinanderzufallen.

Mein filmisches Schaffen wurde durch die Fernsehserie „Roots“ nach dem Roman „Wurzeln“ von Alex Haley geprägt, die ich in den späten 1980er Jahren angeschaut habe. Sie hat mich maßgeblich beeinflusst. Allerdings entschied ich mich dann erst Ende der 1990er Jahre, den Architektenberuf aufzugeben, Film zu studieren und eine Laufbahn als Regisseur einzuschlagen.

Ich möchte allen jungen Menschen, die gerade in Europa angekommen sind, nahelegen, sich ihre riskante Flucht vor Augen zu führen: Ihr habt es geschafft. Vielen Flüchtlingen gelingt die Flucht nicht. Nutzt daher diese Chance und stellt Euch den neuen Herausforderungen. Ihr müsst Euch selbst versprechen, eurem Heimatland etwas zurückzugeben, falls ihr eines Tages dorthin zurückkehren solltet.

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