What Lies Below Is Another Above - The Villa Romana Fellows in Recklinghausen

What Lies Below Is Another Above

13. September – 22. November 2026

Ausstellungseröffnung: Samstag, 12. September 2026 um 17 Uhr in der Kunsthalle Recklinghausen.

Kunsthalle Recklinghausen

Große-Perdekamp-Straße 25–27

45657 Recklinghausen

Die Villa Romana Preisträger*innen in Recklinghausen

Samuel Baah Kortey
Monai de Paula Antunes
Rubén D'Hers
Diana Ejaita
Jessica Ekomane
Sajan Mani
Tuli Mekondjo
Elia Nurvista
Pınar Öğrenci
Chaveli Sifre
Raul Walch
Sergio Zevallos

Kuratiert von Dr. Elena Agudio und Mistura Allison

What Lies Below Is Another Above beginnt mit einer einfachen Unmöglichkeit: Dass das, was unter uns liegt, niemals einfach nur darunter ist.

Jeder Untergrund ist bereits eine neue Oberfläche.

Orte sind niemals singulär. Sie sind zusammengesetzt aus sich überlagernden Zeitlichkeiten, vergessenen Infrastrukturen, verschütteten Gesten und unabgeschlossenen Geschichten, die die Gegenwart weiterhin bevölkern. Anstatt zu verschwinden, gehen Welten ineinander über und tauchen unerwartet wieder auf – in Landschaften, Materialien, Körpern und Beziehungen.

Die Ausstellung versammelt die Villa Romana-Preisträger*innen der Jahrgänge 2023 bis 2025. Sie ist weder um ein einzelnes Thema herum organisiert, noch wurden die Werke als Reaktion auf einen vorgegebenen kuratorischen Rahmen entwickelt. Unabhängig voneinander entstanden, über unterschiedliche geografische Räume, künstlerische Sprachen und politische Fragestellungen hinweg, bewahren sie die Autonomie ihrer eigenen Entwicklungswege. Bringt man sie jedoch in Bezug zu den spezifischen Geschichten Recklinghausens, beginnen sie, neue Konstellationen zu bilden. Bedeutung entsteht hier nicht durch die Illustration einer These, sondern durch die Begegnung singulärer künstlerischer Praktiken mit einem Ort und seinen vielfältigen Geschichten.

Das ist es auch, was die Villa Romana seit jeher auszeichnet: Ein Ort, an dem Künstler*innen mit radikal unterschiedlichen Positionen vorübergehend einen gemeinsamen Raum teilen, ohne jemals dazu aufgefordert zu werden, mit einer Stimme zu sprechen. Was daraus entsteht, ist kein Konsens, sondern Nähe – eine Ökologie der Differenz, in der unerwartete Gespräche möglich werden. Die Ausstellung überträgt diese Ökologie in einen anderen Kontext und lässt bestehende Arbeiten mit einem anderen Ort, einer anderen institutionellen Geschichte und einer anderen materiellen Vorstellungswelt in Resonanz treten.

Recklinghausen und das Ruhrgebiet bieten einen besonders resonanzreichen Boden für diese Begegnungen. Die Region ist geprägt von Rohstoffgewinnung, industriellem Wandel und Migration. Doch Rohstoffabbau ist niemals nur ein geologischer Vorgang. Wie Kathryn Yusoff gezeigt hat, ist das Unterirdische untrennbar verbunden mit Geschichten des Kolonialismus, des rassialisierten Kapitalismus („racial capitalism“) und der ungleichen Verteilung von Arbeit, Menschen und Ressourcen. Unter der Oberfläche verbergen sich nicht nur Stollen und aufgegebene Infrastrukturen, sondern auch Geschichten von Klassenkampf, Vertreibung und der oft unsichtbar gemachten Arbeit ganzer Generationen von Arbeiter*innen – darunter rassifizierte Gemeinschaften, deren Beitrag in den vorherrschenden Narrativen weitgehend ausgeblendet bleibt. Der Boden selbst wird zu einem Archiv, in dem sich Geologie und Sozialgeschichte nicht länger voneinander trennen lassen.

Anstatt diese Geschichten bloß zu illustrieren, nähern sich die Stipendiat*innen (Fellows) ihnen auf indirekten Wegen. Ihre künstlerischen Praktiken bewegen sich in dem, was Anna Tsing als „gestörte Landschaften“ („disturbed landscapes“) beschreibt: Umgebungen, die durch Rohstoffgewinnung, Vertreibung und ökologischen Wandel geprägt sind und in denen dennoch weiterhin unerwartete Formen des Lebens und der Beziehung entstehen. Ihre Arbeiten bewegen sich durch Archive und mündliche Überlieferungen, durch Ritual und Ökologie, Landwirtschaft und Industrie, Klang, Erinnerung und materielle Kultur. Sie widmen sich fragilen Ökosystemen, kolonialen Infrastrukturen und Welten, die über die Menschliche hinausgehen; sie fragen danach, wie Geschichte weiterwirkt, lange nachdem sie scheinbar verschwunden ist.

Es sind Praktiken, die in den Rissen gedeihen – nicht weil sie den Bruch feiern, sondern weil die Störung selbst zur Bedingung wird, unter der andere Beziehungen entstehen können. Sie machen Übergänge sichtbar zwischen Ausbeutung und Fürsorge, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Gewalt und Wiederherstellung sowie menschlichem und mehr-als-menschlichem Leben. Anstatt nach festen Fundamenten zu suchen, entwerfen sie fragile Ökologien des Zusammenlebens, die offen, kontingent und unabgeschlossen bleiben.

Diese Begegnung findet an einem Ort statt, der selbst immer wieder neu gedacht wurde. Seit ihrer Umwandlung von einem Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg in die Kunsthalle Recklinghausen im Jahr 1950 verkörpert das Gebäude die Überzeugung, dass Kunst dazu beitragen kann, andere Zukünfte vorstellbar zu machen. Mit dem Kunstpreis junger westen wurden Generationen von Künstler*innen eingeladen, auf die Dringlichkeiten ihrer jeweiligen Gegenwart zu reagieren. Diese Geschichte ist nicht das eigentliche Thema der Ausstellung, bildet aber einen weiteren Resonanzraum, in dem die Werke erfahrbar werden – als Erinnerung daran, dass Orte das Vorangegangene niemals ersetzen, sondern fortwährend neue Bedeutungsschichten ansammeln.

Die Ausstellung ist Teil von Mutual Presence, einem Austausch- und Kooperationsprojekt zwischen der florentinischen Villa Romana in Italien und der Kunsthalle Recklinghausen in Deutschland – den beiden ältesten deutschen Kunstpreisen.

Vom 6. Juni bis 31. Juli 2026 war mit Tales of Traces, Stones and Moonlight. der erste Teil dieser Zusammenarbeit in der Villa Romana in Florenz zu sehen und zeigte die letzten drei Preisträgerinnen des Kunstpreises „junger westen“, kuratiert von Dr. Nico Anklam, mit der wissenschaftlichen Mitarbeit von Kerstin Weber-Baumann und der kuratorischen Assistenz von Theresa Widua aus Recklinghausen.

Ab dem 12. September 2026 werden die Villa-Romana-Preisträger*innen der Jahre 2023, 2024 und 2025 in der Gruppenausstellung What Lies Below Is Another Above in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen sein, kuratiert von Dr. Elena Agudio und Mistura Allison aus Florenz.

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Träger der Villa Romana und des Villa Romana-Preises ist der Villa Romana e.V.
Hauptförderer ist die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Weitere Förderer sind die Deutsche Bank Stiftung, die BAO-Stiftung sowie projektbezogen zahlreiche Privatpersonen, Unternehmen und Stiftungen aus der ganzen Welt.

Das Kunsthistorische Institut in Florenz – Max-Planck-Institut (KHI) bietet eine kontinuierliche institutionelle Zusammenarbeit an und führt jährlich eine Forschungsarbeit mit einem der Villa-Romana-Preisträger*innen durch.

Villa Romana e.V. wird gefördert von: